 Bild: Büro Prof. O.M. Ungers, Köln / van Sloun, Ramaekers | Zum Tode Oswald Mathias Ungers'
Vor wenigen Tagen ist ein bedeutender Architekt gestorben, dessen Werk und Gedanken fremd und einsam aus der deutschen „Geisteswelt“ herausragen. Wie? Das klingt ja wie ein Satz aus ferner Zeit. Der passt wirklich nicht zu den Aufmachern unserer untröstlichen Medien, die sich über das Ableben des „Stararchitekten Oswald Mathias Ungers“ schockiert zeigen. Ein Stararchitekt muss es schon sein, wenn heutzutage die Aufmerksamkeit des Publikums erregt werden soll, oder doch zumindest ein „Herr der Quadrate und Würfel“. Mit solchem Gerede wird sicher gestellt, dass die Ära unzeitgemäßer Künstler für immer und ewig der Vergangenheit angehört, dass alle Kunst kommensurabel geworden ist und die Architektur dem Primat des Ökonomischen und des Modischen unterworfen bleibt. Erfolgreich war Ungers, nie aber modisch. Viel beschäftigt war er auch, doch nahm er als einziger unter all den ebenfalls hoch beschäftigten Kollegen die Sonderrolle dessen ein, der mit unvergleichlichem Eigenwillen über sein Metier reflektierte. Die Folge war, dass seine Bauten von den ersten Wohnbauten in Köln bis hin zum Haus ohne Eigenschaften (1996) stets mehr den Charakter erratischer Blöcke annahmen. Und weil immer eine kulturelle Eiszeit dafür verantwortlich zu machen ist, dass ein künstlerisches Werk zum Findling wird, muss es uns nicht wundern, dass sich die Architekturkritik darin überbot, Ungers’ Entwürfen Monotonie, Starre, Glätte und Kälte vorzuwerfen. Wohl haftet vielen seiner Bauten etwas Abweisendes, Unpersönliches an, doch nicht, weil hier ein Architekt mit kaltem Verstand, sondern mit größter Inbrunst zu Werke gegangen ist.
Der Vergeistigung der Architektur, die der berühmteste Rationalist des 20. Jahrhunderts, Le Corbusier, von seinen Kollegen eingefordert hatte, galt auch Ungers' zentrales Interesse. Doch während sich der Rationalismus des Wahlfranzosen, seine Vorliebe für die reinen Formen, vom modernen Ingenieurbau inspiriert gab, besann sich der Geometriker Ungers auf Themen und Bilder, die einem vormodernen Diskurs entnommen wurden. Einer Zeit, in der die Künstler mehr auf das Wesen der Dinge Acht gaben als auf ihre Erscheinungsform. In der die Philosophen der intellektuellen Einbildungskraft noch zutrauten, das Absolute zu denken. Wie viel Palladio im Rationalismus der Architekturavantgarde der 20er Jahre auch immer herumspuken mochte – dem Träger der Frankfurter Goethe-Plakette blieb es letztlich überlassen, den architektonischen Rationalismus in der Postmoderne als eine Wiedergeburt des klassischen Strebens nach dem Absoluten zu zelebrieren.
Verkennen wir aber nicht, dass Ungers zugleich ein durch und durch moderner Mensch war. Einer, der Altes reaktualisierte und Neues antizipierte. Das zeigte sich vor allem in der Lehre: Als junger Professor im Berlin der 60er Jahre gerierte er sich in der Methode schon so konzeptionell wie viele seiner fortschrittlichen Kollegen erst zwanzig Jahre später, und er zeigte sich ohne Computer und Internet bereits derart an der internationalen Vernetzung seines Lehrstuhls interessiert wie die umtriebigsten Professoren heutzutage. Nein, sein unzeitgemäßes Denken war gewiss nicht nur auf Goethe fokussiert. Ungers war zudem erfüllt von einer Neugier, Weltoffenheit und Diskussionsfreude, die letztlich erklärt, weshalb ein Rem Koolhaas aus seiner Denkschule hervorgehen konnte. Dennoch: Was bleiben wird, ist sein Eingedenken von Sein und Werden. Wie der junge Schinkel, der in der Vitalität des ständigen Wandels, der alle Lebensprozesse durchzieht, den Kern einer neuen Kunst sah (dem er dann als höchster Baubeamter Preußens untreu werden musste), so hatte auch Ungers stets das Leben im Visier. Nicht freilich das lärmende Leben der Organiker und unbescholtener Bürger, die sich ihre Hintern auf den unbequemen Stühlen des Deutschen Architekturmuseums wundsitzen, sondern das in der versteinerten Metamorphose still gestellte Lebensgesetz.
Ein Dialektiker fürwahr war dieser Oswald Mathias Ungers, der Adornos widersprüchliches Diktum ernst nahm, dass die Architektur Zwecken diene und dennoch eine autonome Kunst sei. Denn nur als Kunst gelinge es ihr, den trügerischen Bedürfnissen und Wünschen zu entgehen, die uns die gesellschaftlichen Verhältnisse diktieren, in denen wir leben müssen. Ungers, so viel steht fest, hat diesen Bedürfnissen nach Wärme, Gemütlichkeit, Frohsinn und Leichtsinn nur wenig nachgeben wollen. So weit es möglich war, unterwarf er die Zwecke des Bauens dem Diktat des Ästhetischen. Bisweilen so ungnädig, dass man erschrecken konnte. Doch fühlen sich einige unter uns nicht weniger brüskiert, wenn die gebaute Realität Ungers Entwürfe, die in der Isometrie so monumental und wahrhaftig wirken, unvermutet ins Harmlose umschlagen ließ. Dann wachten wir aus dem Traum seiner Zeichnungen auf und zeigten uns enttäuscht. Oft hätte es mir größere Genugtuung bereitet, wenn einige seiner Bauten rigoroser ausgefallen wären, befreit von der blassen Sandsteinwärme – oh, dann hätten sie noch lauter aufgeschrien, seine Kritiker, die jetzt großzügig Krokodilstränen über einen „Stararchitekten“ vergießen, der wohl auch ein Menschenfreund gewesen ist.
Gerd de Bruyn |