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Phase zwei
 
Kunst fordert Architektur, Architektur fordert Kunst

In Köln hat sich in den vergangenen drei Jahren eine neue Kulturinstitution etabliert. Mit der "European Kunsthalle" wurde die Frage der Bedeutung des öffentlichen Raums wie der des Ausstellungshauses als Ort in der Stadt neu gestellt. Nach der Gründungszeit beginnt für die European Kunsthalle nun eine neue Phase. In einer Studie wurde untersucht, wie Kunst und Architektur produktiv zusammenwirken können. Die strategischen Vorschläge, die gemacht werden, werfen ein neues Licht auf das Verhältnis zwischen Architektur und Kunst, öffentlichem Raum und kultureller Institution.
48_koeln_2.jpgDie Fotomontage von Thomas Ruff symbolisiert nicht nur den drohenden (und inzwischen vollzogenen) Abriss des Haubrich-Forums, sondern vor allem den Verlust von Räumen für die Kunst generell. (Bild: European Kunsthalle, Köln)
Fast drei Jahre klaffte bis 2005 eine Grube an einem zentralen Ort in Köln. Das Josef-Haubrich-Kunstforum am Neumarkt war abgerissen worden. Haushaltskrisen, kommunale Skandale und wechselnde Mehrheiten blockierten den Baubeginn des neuen Kunstforums nach dem Entwurf des Braunschweiger Architekturbüros Schneider + Sendelbach, die bereits 1996 den Wettbewerb gewonnen hatten. "Das Loch" stand symbolisch für eine Politik, die wenig Sensibilität im Umgang mit bestehender Bausubstanz und noch weniger im Umgang mit den Kulturschaffenden der Stadt bewiesen hatte.
Das mobilisierte den Protest. 2003 gründeten Künstler, Publizisten, Kritiker und Architekten den Verein "Das Loch". Der Verein leistete konstruktive Mitarbeit an einer neuen Positionierung der Kunst in der Stadt, das Konzept der "European Kunsthalle" wurde entwickelt. Der zum damaligen Zeitpunkt noch als Kurator des Frankfurter Kunstvereins tätige Nicolaus Schafhausen konnte 2005 als Gründungsdirektor des Museums ohne festen Ort gewonnen werden. Der traf die zunächst überraschende Entscheidung, die Frage nach dem konkreten Ort für ein solches Museum weiterhin offenzulassen und auf in der Stadt verteilte Interventionen zu setzen.

Akkumulation statt Bilbao-Effekt
Diese Gründungsphase ist vorbei. An sie schließt nun die Arbeit eines neu bestimmten, internationalen Programmteams an, die das Begonnene verstetigen soll. Dazu gehört, die Frage zu klären, wie inhaltlich-programmatische Aktivitäten mit der räumlichen Verortung verknüpft werden können, eine Frage, die sich von Anfang an gestellt hatte.
Sie zu beantworten waren Nikolaus Hirsch, Philipp Misselwitz, Markus Miessen, Matthias Görlich mit einer Studie beauftragt worden. Die "Spaces of Production" betitelte Studie basiert auf den Erfahrungen der Gründungsphase und auf einer Analyse anderer europäischer Beispiele. Das Ergebnis liegt seit Ende Oktober vor, veröffentlicht in der Publikation "European Kunsthalle 2005 2006 2007". Das Modell einer Kunsthalle, die als Ort bürgerlicher Repräsentation und Öffentlichkeit nur noch ausschnitthaft sowohl den aktuellen Formen der Kunst als auch den Benutzern der Stadt und der Struktur aus in unterschiedlichem Maße öffentlich zugänglichen Räume entspricht, wird als nur mehr ein Sonderfall unter vielen anderen Optionen identifiziert. Die Studie greift einen weiteren Zusammenhang auf, der die in der Vergangenheit übliche Form der Kunsthalle in Frage stellt. Denn schon lange gärt die Unzufriedenheit über die auf Marketingbedürfnisse getrimmten Museen, in denen die Kunst für Sponsoren, Politik oder zur regionalen oder nationale Identitätstiftung instrumentalisiert wird. Die Architektur erhält dabei oft genug mehr Aufmerksamkeit als die Kunst. Damit wird nicht nur die Architektur gegen die Kunst ausgespielt, sondern meist auch die Architektur gegen ihre eigene Disziplin gewendet: Der so oft herbeigesehnte Bilbao-Effekt überfordert die Architektur, grundsätzliche Fragen des Orts, des städtebaulichen Bezugs, der Sorgfalt gegenüber der Funktion werden in den Hintergrund gedrängt, die Architektur ihres Potenzials als eines sich im Wechselspiel der sie bestimmenden Determinanten entwickelnden Teils der Stadt beraubt.
Nachdem es gelungen ist, in Köln die Frage der Kunsthalle nicht auf die Frage der Architektur zu verengen und dem Zwang zu ökonomischem Erfolg und Popularität zu entziehen, gilt es, wie die Autoren der Studie feststellen, auch der Falle zu entgehen, die ein ortloses, situationistisches Konzept aufstellt, das von der die Städte überziehende Eventkultur vereinnahmt zu werden droht.
48_koeln_3.jpgDas Modell einer aus Modulen nach und nach entstehenden Kunsthalle verspricht finanzielle Kontrolle, organisatorische Flexibilität und das Zusammenwirken architektonischer und künstlerischer Praxis. (Bild: European Kunsthalle 2005 2006 2007)
Der in der Studie entwickelte Ansatz versucht statt dessen "Stabilität" und "Instabilität" konstruktiv zusammen zu denken. Ziel der Strategie ist es, weder die Originalität des architektonischen Werks noch die Einmaligkeit des Ereignisses die Oberhand gewinnen zu lassen. Vorgeschlagen wird nun, die Wahl eines festen, zentralen Ortes als Ausgangspunkt einer wachsenden Institution zu treffen. In einem Prozess der Akkumulation sollen einzelne Bausteine nacheinander, von verschiedenen Architekten und in Auseinandersetzung mit einem damit jeweils verbundenen programmatischen Element der Kunsthalle errichtet werden. Das Raumprogramm wird dazu in voneinander unabhängige Einheiten geteilt, die Grenze zwischen dienenden und bedienten Räumen wird aufgelöst. Dabei steht der Prozess und nicht das Endprodukt im Mittelpunkt, die finanzielle Belastung bleibt überschaubar und lässt sich steuern. Vor allem aber werden Kunst und Architektur damit wieder in ein produktives Verhältnis zueinander gesetzt: Die ständig wechselnde Autorenschaft der Architektur entzieht das Haus der Gefahr architektonischer Dominanz und einer touristischen Vereinnahmung, gleichzeitig muss der Raum zu einem Teil der kuratorischen und künstlerischen Praxis werden.
48_koeln_4.jpgDas vorgeschlagene Modell erlaubt es, dass einzelne Raummodule an unterschiedlichen Orten Europas miteinander korrespondieren oder demontiert und anderswo wieder aufgebaut werden. (Bild: European Kunsthalle 2005 2006 2007)
Die Bedeutung der Institution "European Kunsthalle" wäre dann nichts Festgeschriebenes, das durch die Architektur und die Kunst transparent gemacht wird, sondern etwas, das durch neue Konstellationen ständig neu entstehen muss. Damit wird sowohl die Architektur als auch die Kunst dazu herausgefordert, sich produktiv aneinander abzuarbeiten; die schützende Abwehrhaltung, die die eine Disziplin gegenüber der anderen einnehmen könnte, wird damit untergraben.
Nun ist diese Studie eine noch nicht im Sinne einer Handlungsanleitung festgelegte Strategie, deren Leistungsfähigkeit sich in der weiteren Praxis der European Kunsthalle erst noch erweisen muss. Aber die Analyse ist präzise genug, dass man den Empfehlungen Vertrauen schenken darf, die Anregungen aufnehmen sollte. Man darf auf die Phase zwei der European Kunsthalle gespannt sein. ch