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Pädagogischer Aktivismus
 
Kurz vor Weihnachten hat der Berliner Senat den Wettbewerb zur "Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße" entschieden. 28 Millionen Euro darf die Umsetzung des preisgekrönten Entwurfs kosten. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls 2009 soll der Infopavillon stehen, der Rest bis zum 40. Jahrestag des Mauerbaus 2011 fertig sein.

Es liegt nahe, die Bernauer Straße zum zentralen Ort des Mauer-Gedenkens zu wählen: Weil die zum Ostteil gehörigen Hausfassaden unmittelbar die Grenzlinie bildeten, war es hier zu besonders spektakulären Fluchtversuchen und nachfolgend zu flächenhaften Abrissen gekommen. Deutlicher als anderswo hat so die Grenze ihre Spuren im einst dichten Stadtgewebe zwischen Mitte und Wedding hinterlassen. Solange der ehemalige Todesstreifen nicht überbaut ist, kann man auf rund einem Kilometer einen guten Eindruck vom Ausmaß der Sperranlagen gewinnen.

02_mauer_lp_1.jpgBild: www.dradio.de
Die Gunst des Ortes hat schon verschiedenste Akteure zu Erinnerungszeichen verlockt. Das reicht von der hartnäckigen Verteidigung des längsten noch in situ erhaltenen Abschnitts der Originalmauer bis zu einem Roggenfeld, mit dem auf die "unbezwingbare Kraft der Natur" verwiesen werden soll. 1999 wurde im umgewidmeten Gemeindezentrum auf Weddinger Seite ein Dokumentationszentrum eröffnet. Am Standort einer noch 1985 gesprengten Gründerzeitkirche steht seit 2000 das berühmte Lehm-Oval der "Versöhnungskapelle". Kaum hundert Meter weiter muss das 1998 errichtete offizielle Mahnmal der Bundesrepublik Deutschland leider als Fiasko gelten. Sechzig Meter Grenzstreifen wurden detailgenau als Sachzeugnis konserviert und von wuchtigen Stahlwänden gefasst. Die Realisierung hielt nicht, was der Siegerentwurf (Kohlhoff & Kohlhoff, Stuttgart) versprach. Die Spiegeleffekte des Edelstahls blieben verwaschen, und besonders vom Turm des Dokumentationszentrums wirkt das Kunstareal nur als brachiale Störung – zieht der originale Geschichtsraum doch alle Faszination gerade aus seiner sturen Endlosigkeit.
Unklar bleibt, ob mit der jetzigen Ausschreibung den bislang eher disparaten Gedenkinitiativen ein bündiger Rahmen verpasst oder ob deren Wirkung insgesamt korrigiert werden sollte. Auf alle Fälle offenbart das Ergebnis des Wettbewerbs aber einen  geschichtspolitischen Wandel: Die Ära der Zeitzeugen, die individuelle Erinnerung noch an vorgefundene Orte und Objekte knüpfen konnten, ist offenbar passé. Geschichte ist nicht mehr Teil einer Vita, sondern gedanklicher Stoff.
02_mauer_lp_2.jpgDer Vorplatz des Infopavillons mit der Außenausstellung (Bild: berliner-mauer-dokumentationszentrum.de)
Der jetzige Siegerentwurf von einer Arbeitsgemeinschaft der Planerbüros Mola Winkelmüller Architekten, Sinai. und ONArchitektur, alle aus Berlin, führt diesen Generationswechsel unmissverständlich vor. Souverän spielt er auf der Klaviatur neuzeitlich distanzierter "Lernorte". Er bereinigt die gerade in ihrer Wuseligkeit authentische Grenzbrache zum abstrakten "Planum", auf welchem dann die verschiedensten "Spuren" vermerkt und kommentiert werden. Wo immer Relikte fehlen, wird mit Cortenstahl nachgeholfen, sei es als Stangenreihe für fehlende Mauerelemente, sei es als beschriftete Scheiben zur Bodenmarkierung. Schließlich stellen sich die Autoren vorab instruierte Touristen vor, die einzeln oder in Gruppe, mit "Feldbüchern" ausgestattet, durchs Gelände streifen und sich von rostigen Stelen mit optischen Blickführungen und video-akustischen Auskünften durch einen imaginären Raum-Zeit-Kosmos "Berliner Mauer" leiten lassen.
02_mauer_lp_3.jpgStahlstäbe visualisieren den Mauerverlauf an der Bernauer Straße (Bild: berliner-mauer-dokumentationszentrum.de)
Das erinnert fatal an die angewandte Gelehrsamkeit von Projektwochen im Geschichtsunterricht. Und ist an Historienkitsch schwerlich zu überbieten. Müssen denn Touristen, diese allzeit als bildungsschwach und oberflächlich gescholtene Zielgruppe, wirklich mit vorgefertigten Deutungen zugeschüttet werden? Oder soll der ganze Designaufwand nur davon ablenken, dass es wieder mal nicht gelungen ist, wenigstens den ehemaligen Todesstreifen von renditesüchtiger Neubebauung frei zu halten?
Wirkliche Berliner suchen ihr "Mauer-Erlebnis" sowieso woanders – ein paar Schritte entfernt im Mauerpark. Dort ist die Grenzöffnung als grandioses Raumgeschenk erfahrbar geworden. Unendliche Himmel wecken jeden Tag spontan Freiheitsgefühle und eine geradezu körperliche Ahnung davon, wie sehr im Ende der Teilung für die Stadt auch ein neuer Anfang steckte. Wolfgang Kil