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Pech beim Start
 
Der Wettbewerb für den Neubau des Berliner Schlosses als so genanntes Humboldt-Forum begann mit einem Gerangel um die Juryzusammensetzung und geht blamabel weiter: Weltweit ausgelobt, bewarben sich nicht einmal zwanzig ausländische Architekturbüros für die Teilnahme am Wettbewerb, es kamen etwa so viele Teilnehmer zusammen, wie aus erwarteten tausend Bewerbern kritisch ausgewählt werden sollten. Es ist nie zu spät, Konsequenzen aus einem Fehlstart zu ziehen.

06_pech_2.jpgBild: Ursula Baus
Nein, wir durchpflügen nicht noch mal das sumpfige Vorfeld des Wettbewerbs mit Gerangel um die Juryzusammensetzung, seltsamen Voraussetzungen zur Teilnahme und steigenden Restriktionen für die Gestaltung des Neubaus in Berlin Mitte. Nein, wir gehen nicht noch mal auf die fragwürdige Finanzpraxis des Fördervereins Berliner Schloss ein. Nein, wir schütteln nicht noch mal den Kopf über die schwammige Funktionalität eines Humboldt-Forums. Erinnert sei aber daran, dass mit dem 850.000 Euro teuren White Cube auf dem Schlossplatz ein temporäres Museum für zeitgenössische Kunst entsteht, das gerade mal etwa ein Prozent dessen kosten wird, was für die Rekonstruktion von drei Schlossfassaden mit 80 Millionen Euro als zu niedrig angesetzt gilt.  
Nein – zu denken gibt jetzt vielmehr das lausig niedrige Interesse, das die Architektenschaft weltweit einem Ort entgegen bringt, dem hierzulande so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird: der mutwillig leer geräumten Mitte Berlins.
Architekten haben offenbar keine Lust, sich den schwarzen Peter in einem abgekarteten Spiel zuschieben zu lassen. Die allermeisten Architekten erkennen die Schizophrenie der Aufgabe und unterwerfen sich nicht dem unsinnigen Zwang mit drei Fassaden und einer Kuppel, die wie Fetische vorgeschrieben sind. Es dürfte klug sein, sich nicht vor den Karren einer konservativen, populistisch agierenden Gruppe spannen zu lassen.
06_pech_3.jpgVorschlag für eine temopäre Kunsthalle auf dem Schlossplatz, Bild: Graft
Nun glaube niemand, hier schreibe wieder mal ein geschichtsloser Gesell, der nur eine schicke, modisch-prophetische Zukunftsvision im Schilde trägt. Nein, so lange ich denken kann, vermisste ich Geschichte im Bewusstsein von Architekten, in ihrer Ausbildung, in ihrem Wissen. Dass es allerdings mit zwei hierzulande verursachten Weltkriegen zwar keine Stunde Null, aber schmerzhafte Brüche im Verhältnis zur Geschichte geben musste, wissen wir alle. Aber auch ein Bruch im Geschichtsbewusstsein ist Geschichte. Was nun heute fehlt, sind nicht die nachgebauten Fassaden des achtzehnten oder neunzehnten Jahrhunderts, nicht die 1,75 Meter hohen Stübchen der mittelalterlichen Stadt, nicht die monströsen Kolossalordnungen der römischen Antike – es fehlt vielmehr eine Kontinuität im notwendigen Verändern und Erneuern unserer Häuser, Städte und Landschaften. Genau diese Kontinuität, wie wir sie von Hans Döllgast, Rudolf Schwarz, Karljosef Schattner, Heinz Bienefeld, den Büros Schürmann, Kulka, Hild + K und vielen anderen Architekten kennen, findet in der jüngeren Generation eine wachsende Anhängerschaft, die sich übrigens mit bautechnisch ambitionierten Kollegen bestens verträgt oder zu ihr gehört.
06_pech_1.jpgDie 2004 teilrekonstruierte Kommandantur in Berlin, Bild: Ursula Baus
Dass beim Wettbewerb für das Berliner Humboldt-Forum in seiner derzeitigen Form kaum jemand mitmachen will, erstaunt deswegen nicht im geringsten. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, den Wettbewerb, der nicht auf der Basis einer breiten demokratischen Mehrheit, sondern mit knappen Mehrheiten im Bundestag legitimiert wird, abzublasen. Während ein "White Cube" für Abwechslung und Unterhaltung am Ort des Geschehens sorgt, könnte man sich noch einmal sehr viel Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, was offensichtlich schief gelaufen ist. Vernunft ist gefragt, um Raumprogramm, Stadtraum und architektonischen Ausdruck in überzeugenden Einklang zu bringen. Die Tagung an der ETH Zürich, die sich kürzlich dem Thema "Das Prinzip Rekonstruktion" widmete, machte vor allem eines deutlich: Rekonstruktion ist immer Neubau und gerade deswegen nicht prinzipiell zu fordern oder abzulehnen. Das Thema muss dringend von Emotionen entlastet, vor Populisten geschützt und mit Vernunft verhandelt werden. ub