|
|
In drei Teilen kommentieren wir, was sich an den deutschen Hochschulen gerade verändert. Ging es beim ersten Mal um Bürokratie und Profit an den Universitäten, widmen wir uns dieses Mal – passend zum SPIEGEL-Titel "Turbo-Uni" – den Konsequenzen für die Studenten. Excellenz und Elite – das sollten verheißungsvolle, bildungspolitische Ziele sein, aber zu befürchten ist, dass in der Umsetzung das Gegenteil erreicht wird und auf dem Arbeitsmarkt wertlose Halbgebildete landen. Bild: SpiegelWann lernen wir was? Non scolae sed vitae discimus – mit diesem lateinisch verschlüsselten Sätzchen versuchte man uns in der Schule zu motivieren. Und an den Universitäten, endlich, ging es frei zu, öffneten sich Perspektiven, konnte man das Lernen lernen, sich orientieren, in Nebenher-Jobs Berufsluft schnuppern und vieles mehr. Aus. Vorbei. Die sechssemestrige Bachelor-Schmalspur-Ausbildung kann kaum jemand ernst nehmen, denn wenn wir uns daran erinnern, was wir Anfang der achtziger Jahre mit sechs Semestern alles nicht wussten – das ist einiges, will sagen: das Wesentliche. Das Gerede, die langen Studienzeiten in Deutschland seien Indizien für die Bummelmentalität der Studenten, erweist sich als dummdreist, denn in zwölf oder vierzehn Semestern hat man einfach viel gelernt. Es mag einzelne Bummler gegeben haben – repräsentativ oder ein volkswirtschaftliches Problem waren sie nicht. Im Gegenteil: Vor allem in der Architektur erwiesen sich die in Deutschland ausgebildeten Absolventen als weltweit begehrt, weil sie auf der Grundlage eines breiten Wissens konzeptionelles Denken gelernt hatten. Und das Lösen komplexer Probleme, die sich beim Bauen im Zusammenwirken vieler Menschen und Themen nun einmal stellen, verlangt genau nach diesem konzeptionellem Denken und nicht nach Klausurwissen. Deutschland ist mehrfach hintereinander Exportweltmeister gewesen, und der Erfolg deutscher Architekten im Ausland kann sich mehr als sehen lassen. Jetzt aber muss ein Bachelor-Student auf einmal feststellen, dass sein Abschluss gerade im Ausland nichts wert ist. "Seid ihr von allen guten Geistern verlassen, euer gutes deutsches Diplom abzuschaffen?" – ein oft gehörter Kommentar unserer Kollegen im Ausland. Und keineswegs jeder wird einen Master-Studienplatz bekommen, um wenigstens damit punkten zu können. Wechseln zu anderen Hochschulen, das ergab eine im Spiegel zitierte Studie, ist schwieriger als je zuvor, weil die Bologna-Reformen von Hochschule zu Hochschule anders in Angriff genommen wurden und von Vereinheitlichung nicht die Rede sein kann. Schon hören wir aus der Wirtschaft das erste Gemaule: Weil die Studenten ein so kurzes, prall gefülltes Studium hinter sich hätten, seien sie für den Berufseinstieg nicht gerüstet, denn es bliebe ja keine Zeit mehr für die Praktika, die früher so wichtig waren. Man hat wirklich den Eindruck, die Reformisten könnten nicht bis zwei zählen, denn genau das war deutlich vorherzusehen. Es gilt zu differenzieren: In den Ingenieurwissenschaften fehlt der Nachwuchs, jeder wird gebraucht, und zwar schnell. In den Betriebs- und Wirtschaftswissenschaft sind die Schmalspurstudenten nie eine Seltenheit, weil das rasche Geldverdienen Sinn und Zweck des Studiums ist. Im Fach Architektur ist es anders: Wir haben in Deutschland ohnehin zu viele Architekten, und so wünschen wir uns, dass sich die guten Architekten durchsetzen oder im Ausland gut arbeiten können. Anderen, die nur den Bachelor-Abschluss vorweisen können, droht ein Dasein als simpler Bauzeichner oder Bürohelfer. War nicht auch einmal von einer "neuen Elite" die Rede, die aus der Reform hervorgehen möge? Nun mehren sich die Hinweise, dass sich die "Smoothlinge", die Geschmeidigen, durch die strammen Lehrpläne am besten zu schleusen wissen. Die habe man sich aber als "neue Eliten" dann doch nicht gewünscht. Auch im Architekturstudium zeichnet sich ab, dass Studenten nur noch Seminare und Vorlesungen mit direktem "Nutzwert" besuchen und herausragenden Gastdozenten oder -rednern, die etwas über den Mensatellerrand hinaus mitzuteilen wissen, kein Gehör mehr schenken. Zum Glück gibt es Hochschulen, die genau solche Themen zum Pflichtteil der Lehre machen – so mögen die Quer- und Weitdenker dann doch nicht aussterben. ub
|
|