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Baukultur auf Kölsch
 
In keiner Stadt liegen weltstädtische Visionen und schnöde Wirklichkeit näher beieinander als in Köln. Hier werden regelmäßig mit lokaltypischer Leidenschaft große Ideen gesponnen und dann durch Machtspielchen und Dilettantismus klein gemacht. Zwei jüngst entschiedene Wettbewerbe – für die Archäologische Zone und das Jüdische Museum sowie das Opernhaus – demonstrieren, wie richtungsweisende Chancen für die Stadt im Ränkespiel der Interessen grotesk vertan werden. Wieder einmal.
28_0.jpgPerspektive des siegreichen Entwurf im Wettbewerb Archäologische Zone und Jüdisches Museum von Wandel Hoefer Lorch + Hirsch. Als Fassade wird eine Hülle aus transluzentem Stein-Glas-Komposit vorgeschlagen. (Bild: Architekten)
Die Voraussetzungen sind ideal: Im Rahmen der Regionale 2010 vergibt das Land Nordrhein-Westfalen für zentrale Entwicklungsprojekte großzügig Mittel. Endlich die Gelegenheit, um Kölns Renommierprojekt Nr. 1, die Archäologische Zone, angemessen zugänglich zu machen und zu präsentieren. Unter dem Rathausplatz befinden sich nämlich auf engem Raum Relikte der römischen Wurzeln sowie Ausgrabungen der Synagoge und der Mikwe des ehemaligen jüdischen Viertels. Zum Teil schon heute zugänglich, sollen diese in einem weitläufigen unterirdischen Areal gemeinsam begeh- und erlebbar gemacht werden. Quasi als Dach bietet sich die Errichtung eines "Hauses und Museums der Jüdischen Kultur", kurz Jüdisches Museum genannt, an.
Die Mittel für die Archäologische Zone stehen bereit, müssten auf Grund des Zeitdrucks der Regionale allerdings bald abgerufen werden. Damit dies auch wirklich klappt, hatte sich kürzlich schon der Landesbauminister persönlich in die seit Jahren laufenden Zänkereien und fachlichen Irrungen von Kulturverantwortlichen und Kulturberufenen eingeschaltet. Wie das Jüdische Museums finanziert werden soll, weiß allerdings keiner. Ja, im Nachhinein sei man gar von dem Wettbewerb zeitlich "überrascht" (!) worden, wie aus dem Trägerverein zu hören ist. Wie dem auch sei, der Wettbewerb sollte beide Aufgaben synergetisch verbinden, die Umsetzung in zwei Bauabschnitten möglich sein.
28_1.jpgDass der Wettbewerb vorsieht, den Rathausplatz zu überbauen, passt vielen Kölner nicht. (Bild: Architekten)
Mit dem ersten Preisträger, dem Büro Wandel Hoefer Lorsch + Hirsch aus Saarbrücken, schienen geeignete Architekten für die anspruchsvolle Aufgabe gefunden, konnten sich diese doch mit der Synagoge in Dresden und dem Jüdischen Zentrum in München bereits bestens empfehlen. Das Ergebnis des Wettbewerbs wurde vom Oberbürgermeister Fritz Schramma direkt nach der Entscheidung öffentlich gelobt; die erste Präsentation im Rahmen der Montagsgespräche des BDA fand großes Interesse bei einem breiten Publikum. Doch schon einen Tag später kam die Wende: "OB lehnt Entwurf für Museum ab. Schramma sucht nach Alternativen für Neubau des Jüdischen Museums", so die Schlagzeile des Kölner Stadt-Anzeigers – der Auftakt zu einer Tage dauernden, umfangreichen Berichterstattung. Verantwortliche aus Politik und Kultur lieferten sich einen Schlagabtausch, begleitet von einem gut gefüllten Leserbriefforum mit leidenschaftlichen Beiträgen für und wider die Bebauung.
In der Tat hat der Wettbewerb eine Reihe von Streitpunkten offen gelegt: So soll nahezu der gesamte Rathausplatz bebaut werden. Das entspräche zwar dem historischen Stadtgrundriss, viele lebende Kölner mögen sich jedoch damit offenbar nicht mehr anfreunden, wollen die seit Kriegsende bestehende Situation behalten, an die sie sich gewöhnt haben. Zumal durch die Neubebauung die Sicht auf das Rathaus und das benachbarte Wallraff-Richartz-Museums stark beeinträchtigt würde. Auch kann der Entwurf nur in einem Bauabschnitt realisiert werden. Von noch offenen Klimatisierungsfragen durch die enge Verbindung der ober- und unterirdischen Räume mal ganz abgesehen.
28_2.jpgDer Entwurf von Wandel Hoefer Lorch + Hirsch sieht vor, das jüdische Museum so über der Archäologischen Zone zu errichten, dass es scheint, als schwebe es darüber. (Bild: Architekten)
Gegen öffentlichen Disput ist nichts einzuwenden. Zu kritisieren ist zunächst der siegreiche Entwurf, aber auch die Haltung der Preisrichter. Allein der Umstand, dass von 31 Anforderungspunkten nur 20 vom ersten Preisträger erfüllt werden, bietet vielerlei Angriffspunkte. Besonders auffallend und ärgerlich ist jedoch das Verhalten der Politiker. Das frühe Lob, postwendend zurückgenommen, das Hickhack um einen Ratsbeschluss, der einerseits die Bebauung des Platzes fordert, andererseits aber irgendwie auch wieder nicht, einseitige Leitartikel und eine auffallend tendenziöse Bebilderung der Berichterstattung legen die Vermutung nahe, hier hätten gewichtige Kreise Einfluss genommen – und sich dabei der Ratsmitglieder, der (eigenen) lokalen Medien und sogar Volkes Stimme bedient.
Der fast gleichzeitig entschiedene Wettbewerb zum Umbau des Opernhauses und des Neubaus von Schauspielhaus und Neugestaltung des Opernplatzes tritt dabei fast in den Hintergrund. Angesichts der hier ebenfalls schon seit Jahren geführten Debatte um Stadtidentität und Baukultur drängt sich die Vermutung auf, dass jetzt die prominenten Kulturschaffenden von Oper und Theater das Sagen haben. Gewonnen hat nämlich ein Projekt, das in erster Linie die Interessen der Bühnen erfüllt, städtebaulich jedoch kaum gute Perspektiven eröffnet. Im Entwurf der Architekten Chaix + Morel, Paris, mit JSWD (Jasper Steffen Watrin Dresen), Köln, tritt das ortsprägende und denkmalgeschützte Opernhaus von Wilhelm Riphahn (errichtet 1954-1957) in den Schatten eines neuen, für das Schauspielhaus vorgesehenen, stadtteilüberragenden Monolithen.
28_3.jpgStädtebaulich wenig überzeugend: Der im Wettbewerb siegreiche Entwurf für den Umbau des Opernhauses und den Neubau eines Schauspielhauses von Chaix + Morel, Paris, mit JSWD, Köln. (Bild: Architekten)
Dem Bürger wird die Lösung durch einen neuen Stadtplatz zwischen dem Opernhaus und den Anlieferungsstraßen der Fußgängerzone schmackhaft gemacht. Doch genau hingucken lohnt sich: Der in der Aufsicht ach so grüne Platz besteht zum größten Teil aus einem Lichtgraben für die unterirdischen Werkstätten der Bühnen. Außerdem wird mittlerweile von werttbewerbsverzerrenden Ausschreibungen berichtet. Um zugelassen zu werden, wurden die nachzuweisenden Umsatzzahlen so hoch gesetzt, dass nicht nur junge Talente, sondern auch Prominenz wie die Familie Böhm ausgeschlossen wurden. Ganz zum Schluss: Bei beiden Wettbewerben wurden den ersten Preisträgern umfangreiche Änderungen zur Realisierung mitgegeben. Offenbar wurde in beiden Fällen die Erfüllung der Anforderungsprofile großzügig ausgelegt. Absicht? Jedenfalls eine optimale Voraussetzung für die eingangs beschriebene lokaltypische Kultur der Interessenswahrung – im Rahmen ordentlicher Entscheidungsverfahren.

Edgar Haupt