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Mies und die Fledermaus
 
Ein Batman-Film, der alle Rekorde bricht: Über 500 Millionen Dollar hat "The Dark Knight" allein in den USA bereits eingespielt. Auch in Deutschland begeistert das neueste Werk des Regisseurs Christopher Nolan die breite Masse und die Feuilleton-Redakteure gleichermaßen. Grund dafür ist nicht zuletzt die faszinierende Darstellung von Gotham City – der Stadt im Hintergrund.
38_1.jpgDer Film beginnt im Rücken dieses Mannes – einem der gesichtslosen und kurzlebigen Vasallen Jokers – auf den Straßen von Gotham City. (Bild: Verleih/ Warner Bros.)
"Gotham City" war ursprünglich ein Spitzname von New York – in den seit 1939 erscheinenden Batman-Comics hatte man diesen Namen bewusst gewählt, der Bezug zum Big Apple war stets mehr oder weniger deutlich. Christopher Nolan hat sich mit Chicago eine andere Vorlage für Gotham City gesucht. Während die Comics und die früheren Verfilmungen meist mit einem Mix gotisch anmutender Architektur, Art-Déco-Hochhäusern und Science-Fiction-Elementen arbeiteten, setzt "The Dark Knight" den Schwerpunkt auf die Wirkung der realen Stadt der Gegenwart. Die Handlung lässt sich dabei vor allem in Gebäuden lokalisieren, die seit den 1960er Jahren entstanden sind. Die früher so prägenden Art-Déco-Bauten tauchen meist nur noch im Hintergrund auf. Nolan stellt sich damit gegen die Comic-Vorlage, in der die Architektur Gotham Citys als wilder Stil-Mix und Werk eines exzentrischen, von einem heimlichen Geldgeber subventionierten Architekten beschrieben wird. Andererseits ist seine Haltung konsequent, da für die ersten Batman-Geschichten Art-Déco so aktuell war wie für uns heute die Spätmoderne mit Mies & Co.
38_2.jpgSchlüsselszene: Joker blickt gleichgültig dem Tod entgegen, doch Batman weicht ihm im letzten Moment aus. Im Hintergrund (Bild in der Mitte) das "Chicago Board of Trade". (Bild: Verleih/ Warner Bros.)
Ein Beispiel für diese Neuinterpretation des architektonischen Hintergrunds ist die Verlegung des Firmenhauptsitzes von Wayne Enterprises. Zur Erklärung: Dieses Unternehmen gehört dem Millionär Bruce Wayne, also jener Figur, die sich des Nachts in Batman verwandelt. Noch in "Batman begins" – dem ersten Batman-Film von Christopher Nolan aus dem Jahr 2005 – befand sich der Hauptsitz der Firma im "Chicago Board of Trade", einem Art-Déco-Bau von 1930. Obwohl es sich bei "The Dark Knight" um eine Fortsetzung handelt, wählte der Regisseur nun das "Richard J. Daley Center" von 1965 als Unternehmenszentrale. Der Entwurf für das Gebäude stammt von Jaques Brownson, der damals bei C.F. Murphy Associates tätig war. Das "Chicago Board of Trade" bleibt dem Film jedoch erhalten. Es bildet den perspektivischen Endpunkt der South Lasalle Street, in der eine der wichtigsten Szenen des Films spielt: Jener Zweikampf zwischen Batman und Joker, in dem klar wird, dass der Fledermausmann als beschützende, moralisch motivierte Instanz dem gewaltlüsternen Clown nicht beikommen kann, ohne seine Ideale zu verraten. Das Gebäude im Hintergrund dient hier wohl vor allem als Reminiszenz an den ersten Film und an die Comic-Vorlage – die Architektur, in der sich die Figuren letztendlich bewegen, ist in der Regel höchstens vierzig Jahre alt. So tauchen unter anderem das IBM-Building (1970) und das "One Illinois Center" (1970) von Mies van der Rohe, das West-Gebäude des McCormick Place (2006), der Sears-Tower (1974) von Skidmore Owings & Merrill und, vom gleichen Büro, der noch im Bau befindliche "Chicago Trump Tower" (Fertigstellung 2009) auf.
3_3.8jpgDie Welt des Bruce Wayne, alias Batman, ist die Moderne à la Mies van der Rohe. Die weiten Räume versprechen Ordnung und Übersicht – doch auch hier dringt das Chaos ein. (Bild: Verleih/ Warner Bros.)
Was Nolan an der Moderne fasziniert, sind wohl vor allem die scheinbar nur von Decke und Boden begrenzten Räume, sowie der Blick, der sich aus den Hochhäusern heraus auf die dicht bebaute Stadt ergibt. Gerade das Umfeld von Batman, alias Bruce Wayne, definiert sich über diese weiten Räume, die Überblick versprechen, durch ihre schier endlose Ausdehnung aber auch verunsichern. Selbst die regelmäßige, fast rasterartige Anordnung der Leuchten, die eigentlich Sicherheit implizieren sollte, lässt die Räume letztlich eher gespenstisch wirken. Orte wie das Penthouse des Superhelden und der Hauptsitz der Wayne Enterprises stehen damit zwar im Kontrast zur unübersichtlichen Hochhauslandschaft auf der anderen Seite der Glas-Stahl-Fassade, doch auch sie schützen nicht vor der archaischen und lustvollen Gewalt eines Freaks: Das wird besonders deutlich, als Joker die Fundraising-Party für den Staatsanwalt Harvey Dent, die in den obersten Geschossen von Wayne Enterprises stattfindet, entert.
Nolan ordnet seinen Figuren unterschiedliche Ebenen der Stadt zu. Batman etwa begibt sich in der Regel nur dann auf Erdgeschossniveau, wenn er mit Batmobil, Batpod oder Lamborghini zum Einsatz rasen muss – sein eigentlicher Platz ist über der Stadt, als einsamer Beobachter auf den Dächern der Hochhäuser. Staatsanwalt, Bürgermeister und Polizeirevier befinden sich jeweils auf halber Höhe; wer hinter den Figuren aus dem Fenster schaut, blickt unwillkürlich auf die unteren Geschosse der Nachbargebäude. Die Straße hingegen ist den Bürgern überlassen – zusammen mit Gaunern und Mafiosi bewegen sie sich in den Schluchten zwischen den Hochhäusern. Dass sie dort den grausamen Späßen des Freaks fast hilflos ausgesetzt sind, zeigt sich bei einer Beerdigungsprozession zu Ehren getöteter Polizisten. Da Joker angekündigt hat, den ebenfalls dort anwesenden Bürgermeister zu töten, sind in den umgebenden Gebäude jeweils mehrere Polizisten positioniert; doch "es sind einfach verdammt viele Fenster hier oben", wie einer von ihnen verzweifelt bemerkt.
38_4.jpgSelbst als fliegender Superheld lässt sich die dichte Hochhauslandschaft kaum ganz überblicken: Die Bedrohung kann hinter jedem Fenster lauern. (Bild: Verleih / Warner Bros.)
Nur der Kinobesucher hat die Chance, den engen Straßenschluchten gelegentlich zu entkommen und die Szenen aus der Vogelperspektive wahrzunehmen; die Menschen in Gotham City jedoch sind in der dicht bebauten Stadt gefangen. "The Dark Knight" nur als Metapher auf die von Terror bedrohte Welt zu interpretieren, wäre sicher zu kurz gegriffen – dennoch legen einige Szenen nahe, dass Nolan durchaus diesen Bezug suchte. Im Film sind es die Mittel der Technik, die eine Wende herbeiführen: Die Überwachung der Handys aller Bürger von Gotham etwa, die Batman als letztes Mittel ergreift, um Joker aufzuspüren. Oder das Sonar-Gerät, mit dem er durch die Decken der ohnehin schon als "transparent" geltenden Glas-Stahl-Architekturen schaut und ein Täuschungsmanöver Jokers entlarvt. Nur die menschlichen Qualitäten von Batmans Vertrauten stellen sicher, dass mit der Technik kein Missbrauch getrieben wird – vorerst. Dass ihr Einsatz unausweichlich zu sein scheint, wird nicht allen Kinobesuchern schmecken. hi