Becoming Istanbul Die Türkei ist Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, und das DAM nutzt die Gelegenheit, um eine Ausstellung über Istanbul zu zeigen. Die türkische Kuratorin Pelin Derviş und ihr Team haben dazu eine umfangreiche, wenngleich etwas sperrige Präsentation zusammengestellt, die von acht Computern aus gleichzeitig an eine Wand des Ausstellungsraumes projiziert wird und durch die sich der Besucher selbst hindurchnavigieren muss. Hier wird weder die Architektur-, Kunst- oder Stadtbaugeschichte aufgearbeitet, noch wird die fortschreitende Zerstörung historischer Bausubstanz beweint. Vielmehr unternehmen die Macher der Ausstellung den Versuch, dem Besucher Diskurse darüber, was Istanbul ist, sein kann oder sein soll nahe zu bringen. Ergänzt wird dies durch sehr informative Karten, mit denen sozioökonomische Daten aus der Region Istanbul visualisiert werden. Diese werden ebenfalls an die Wände des Ausstellungsraums projiziert, können jedoch nicht vom Besucher gesteuert werden. Mit der sehr nüchternen Präsentation werden zunächst die Erwartungen all derer enttäuscht, die eine bunte Bilderschau erwartet haben und sich die Inhalte der Ausstellung nun mühsam selbst aneignen müssen. Aber auch beim Navigieren durch die Datenbank wird die Erwartung, historische Fakten und gehobenes Feuilleton- oder Reiseführer-Wissen dargeboten zu bekommen, nicht erfüllt. Dies ist sicher eine der Stärken dieser Schau, reduziert sie aber auch um wichtige Aspekte. Zur Ausstellung ist ein Buch erschienen, in dem wie in einer Art Enzyklopädie die Begriffe, die in der Präsentation noch hierarchisch und thematisch geordnet sind, alphabetisch sortiert und also scheinbar gleichberechtigt von meist türkischen Autoren aus verschiedenen Disziplinen kommentiert werden. Im Vorwort zum Buch, das leider nicht sehr sorgfältig übersetzt wurde, wird noch einmal vehement betont, dass man all die Vorurteile und fertigen Bilder von Istanbul, die es in Europa gebe, nicht reproduzieren wolle. Hier fragt man sich dann doch, ob nicht vielleicht die Kuratoren Vorurteile gegenüber dem Publikum haben und dessen Fähigkeit, "Istanbul" differenziert zu betrachten, unterschätzen. Das ist schade, denn so entsteht der Eindruck, die Kuratoren hielten die unglaublich interessanten und breit gefächerten Lesarten, die in der Ausstellung präsentiert werden, für erschöpfend. Und das ist nicht der Fall. Maren Harnack
Bilder: mdw-frankfurt.de
Derzeit ist das Museum in drei alten Villen am Schaumainkai untergebracht; oben das Haupthaus mit einer Beleuchtung anlässlich der Luminale 2004.
Baum- statt Kuhhandel Seit mehr als zwanzig Jahren ist man in Frankfurt auf der Suche nach einem geeigneten Standort für den Erweiterungsbau des Museums der Weltkulturen. Im Park des heutigen Museums müssten für die neue Ausstellungsfläche nur ein paar Bäume gefällt werden. Doch den Grünen war jeder gefällte Baum bislang einer zuviel, weshalb sich die Suche nach einem geeigneten Standort in die Länge zog. Die zuletzt favorisierte Variante – ein neuer Museumsbau auf dem umgestalteten Degussa-Gelände – war im Juni dieses Jahres an der Unentschlossenheit des Frankfurter Magistrats gescheitert. Nun wurde das bislang unmöglich Erscheinende doch machbar: Die Grünen akzeptierten am vergangenen Donnerstag die Pläne, den Museumspark als Fläche für den Erweiterungsbau mit rund 8.500 Quadratmetern zu nutzen. Der Fraktionsvorsitzende Olaf Cunitz meinte zu dieser Kehrtwende, man könne niemanden daran hindern, schlauer zu werden. Als "kleines Dankeschön" für diese Entscheidung und für die Zustimmung zum Bau eines Hochhauses am Hauptbahnhof wurde der Partei versichert, ein zwischen Deutschherrnbrücke und Honsellbrücke gelegenes Grundstück in eine 40.000 Quadratmeter große Grünanlage umzuwandeln. Somit dürften die wenigen Bäume, die für den Neubau gefällt werden müssen, schnell vergessen sein. sh
Bilder: oben: Tomas Riehle, unten: Klaus Frahm
In der Ausstellung werden auch diese Bilder zu sehen sein: das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart (oben) und das Pantheon in Rom (unten).
arturimages Gezeigt werden "Positionen zur Architekturfotografie" im Wissenschaftspark Gelsenkirchen, jenem Ort also, den Frank Baranowski, Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen, bei der Ausstellungseröffnung etwas burschikos, aber durchaus berechtigt, "eines der besten Wissenschafts-Center in Europa" nannte. Dem kann man beipflichten und hinzufügen: es ist auch einer der besten Bauten des Architekten Kiessler. Aber als Foto-Ausstellungsraum ist er dennoch nicht überzeugend. Wenn man im Hundertmeterlauf "immer an der Wand lang" muss, können die Bilder im Einzeln noch so gut sein – der Zusammenhang zerfranst. Schade, denn die Ausstellung hätte – im wahrsten Sinne des Wortes – mehr Dichte verdient. Wie will man zum Beispiel Rainer Viertlböcks professionell kommerzielle Glätte mit Klaus Frahms subtilen Schwarzweiß-Nuancierungen vergleichen, wenn man dafür wieder die ganze Front abschreiten muss? Das lässt sich pars pro toto auf andere Vergleiche im Rahmen der hier vorgestellten vierzehn Fotografen übertragen. Handwerklich und inhaltlich liegen oft Welten zwischen den einzelnen Fotoserien. Manche Bilder wirken so, als seien sie stromlinienförmig für den Markt produziert, andere hingegen sehen so aus, als habe der Fotograf nur an das Bild und nie über dessen Marktchancen nachgedacht. Apropos Markt: Man darf bei allem nicht vergessen, welches Band die Bilder zusammenhält: artur ist eine Agentur, also eine kommerzielle, keine kulturelle Organisation. Kultur und Kommerz müssen einander nicht ausschließen – um so wichtiger wäre gewesen, Auswahl und Kuratierung anderen zu überlassen. Zum Beispiel: Rolf Sachsse zeigt "seine" Artur-Bilder. Sowohl in der Einladung als auch in der Pressemeldung heißt es, die Arbeiten seien von einer unabhängigen Jury ausgewählt worden (Namen wurden leider nicht genannt). Ratsam wäre es gewesen, auch die Kuratierung der Ausstellung, das heißt die Gesamtverantwortung, einem Unabhängigen und nicht einem Mitglied von artur zu übertragen. Der Blick auf arturimages hätte durch ein komplett unabhängiges Verfahren nur gewinnen können. Wilfried Dechau
arturimages – Positionen zur Architekturfotografie, Fotos von Klaus Frahm, Rainer Viertlböck, Dieter Leistner, Tomas Riehle, Wolfram Janzer, Monika Nikolic, Bernadette Grimmenstein, Gerhard Hagen, Rainer Rehfeld, Reinhard Görner, Karin Hessmann und Jochen Helle, Wissenschaftspark Gelsenkirchen, 22.08.08 bis 9.11.08, täglich von 8-18 Uhr