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Altstadtträume
 
Als spalte die Diskussion um die Rekonstruktion des Schlosses die Gesellschaft nicht schon genug, steht auf einmal auch zur Diskussion, den östlich anschließenden, "echten" Altstadtbereich Berlins, das einstige Marienviertel und jetzige Marx-Engels-Forum, zumindest stadträumlich zu rekonstruieren.
24_1.jpgBlick auf das Terrain des ehemaligen Marienviertels. (Alle Bilder sind dem Buch entnommen.)
Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat einen schweren Stand. "Unzeitgemäß" sei die Debatte um eine Neubebauung des Zentrums von Berlin dort, wo einmal die mittelalterliche Altstadt gestanden hat. Von der Bausenatorin erfährt sie offiziell kaum Unterstützung. Ingeborg Junge-Reiher ist abgetaucht, seit der Regierende Bürgermeister Wowereit sich um das Bauen eigene Gedanken macht. Und seit Kulturstaatssekretär André Schmitz den neuen mächtigen Mann gibt und sich in das Ressort Stadtentwicklung einmischt. Als "emotional" wird sein Engagement von der Presse charakterisiert, sein offensives Eintreten für den Wiederaufbau des Schlosses, und nun sein Engagement für den Wiederaufbau des Marienviertels.
Es geht um das heutige Marx-Engels-Forum vor dem Roten Rathaus, zwischen Fernsehturm und Spree, der Ort, an dem Berlin entstanden ist. Vor dem Krieg dicht bebaut, wurde die Altstadt durch Bomben weitgehend zerstört, die Reste zur DDR-Zeit bis auf vereinzelte Gebäude abgeräumt. Auf groteske Weise einsam steht die eigentlich einer Umbauung bedürfende Marienkirche schräg im Gelände (weil mittelalterlich geostet). Nur der Fernsehturm mit seinem expressiven Sockelbau entstand neu. Seitdem herrscht gähnende Leere vor dem Rathaus. Zu einem ordentlichen Park hat es nie gereicht.
24_2.jpgLeere bis zum Dom
Hans Stimmann, seit zwei Jahren als Senatsbaudirektor im Ruhestand und seitdem aktiver den je, sieht Handlungsbedarf. Vor zehn Jahren hatte er das "Planwerk Innenstadt" aufstellen und vom Senat verabschieden lassen: eine Rahmenplanung, die den Rückbau vieler nach dem Krieg verbreiterter oder unbebaut gebliebener Straßen und Plätze und die Wiedergewinnung historischer Straßenzüge vorsah. Es ging allgemein also um eine Verdichtung, die verlorene Urbanität in die Stadt zurückbringen sollte. Am Werderschen Markt, am Molkenmarkt und an manch anderer Stelle hat sich schon etwas in dieser Richtung getan. Das Marx-Engels-Forum stand damals nicht auf der Agenda. Das soll sich nun ändern, auch nach Stimmanns Meinung.
"Berliner Altstadt – Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte" heißt das Buch, das er kürzlich vorstellte. Er schildert darin gemeinsam mit den Koautoren Bernd Albers, Gerhard Boß, Jörn Düwel, Ulla Luther und Tobias Nöfer die Okkupation des einst bürgerlichen Berliner Zentrums durch den DDR-Staat – und wie man diesen Part der Geschichte rückgängig machen könne (DOM Publishers, 169 Seiten, 38 Euro, ISBN 978-3-938666-27-2).
24_3.jpgAufnahmen vom Bestand
Stimmann weiß, dass man Bilder benötigt, um überzeugend argumentieren zu können, und so mussten wieder einmal seine alten Freunde und Mitstreiter ran und "Testentwürfe" liefern. Das Prinzip ist einfach. Die Straßenblocks der Vorkriegssituation werden wieder aufgebaut. Kleinere Korrekturen inbegriffen – die kleinen Gassen nicht ganz so eng, der Rathausvorplatz etwas größer, zur Spree hin ein schmales Marx-Engels-Plätzchen (denn man braucht ja einen Ort zum Abstellen des ungeliebten Marx-Engels-Denkmals). Der Fernsehturm geht seines Sockelbaus verlustig und wächst nun aus dem Hof eines Blocks.
Und dann wird auf kleinen Parzellen aufgebaut, Geschäftshäuser an den größeren Straßen, die am Werderschen Markt schon erprobten Stadthäuser auf schmalsten Grundstücken, ein Handtuch Grün im Hinterhof inbegriffen.
Erwartet wird, dass sich ein Quartier mit unverwechselbarem Charme entwickelt, mit leicht gekrümmten Straßen, mit "einmaligen räumlichen Wahrnehmungen durch Synchronität von neuer Architektur und mittelalterlichem Stadtgrundriss" (Bernd Albers).
24_4.jpgDie Marienkirche
Die Begründung für das restaurative Programm ist auch eine politische. "Mit der hier vorgestellten Rekonstruktion der Stadtstruktur [...] gelingt es, eine städtebaulich wie strukturelle Entwicklung wiederaufzunehmen, die spätestens mit der Fertigstellung des Fernsehturms 1969 und der damit zusammenhängenden Verstaatlichung und Monumentalisierung des Stadtraums unterbrochen wurde. [...] Mit der damit zugleich stattfindenden individuellen Konkretisierung und Differenzierung der Häuser, Straßen und Plätze wird so ein staatlich verordnetes Stadtmodell verabschiedet, das primär an Repräsentanz und Abstraktion orientiert war und dessen Defizite an diesem Ort bis heute in eklatanter Weise zu Tage treten", schreibt Bernd Albers.
Hübsch bunt sind die Bilder. Überraschungen bringen sie nicht, zeigen sie doch wie zu erwarten die in der Stimmann-Ära üblichen Fassadenabwicklungen mit 22 Metern Traufhöhe.
24_5.jpgRechts im Bild die Sockelzone des Fernsehturms
Guter Rat ist freilich teuer. Wie man die Mediokrität überwinden und zu einem überzeugenderen Stadtbild kommen könnte, weiß keiner. Die Regelungen per Gestaltungssatzung führen zu schalen Ergebnissen wie am Leipziger Platz.
Angenommen, man ist der Überzeugung, dass das Marienquartier wieder gebaut werden müsse – es gibt allerdings genügend Berliner, die den gegenwärtigen Zustand schätzen und die Daseinsberechtigung des DDR-Städtebaus nicht in Zweifel ziehen – so muss die Frage gestellt sein, weshalb man nicht die Chance ergreift, ein fantasievolles, attraktives Zentrum zu erdenken, anstatt das Quartier nach altem, doch recht schematischem Grundriss nur irgendwie aufzufüllen. Mit der vorgeschlagenen einfallslosen Rekonstruktion kann Berlin nicht punkten.
Wie man mit Häusern Stadträume und Platzfolgen formt, in denen sich die gewünschte Urbanität einstellt, ist aus der Baugeschichte bekannt. Axel Schultes hat es im übrigen vorgeführt mit seinem Pseudo-Schinkel-Entwurf für das Schlossareal. Selbst nebenan das zu DDR-Zeiten als formal etwas fragwürdige Retortenaltstadt wiederaufgebaute Nikolaiviertel ist in diesem Punkt durchaus gelungen, da man nämlich den vorgefundenen Grundplan noch weiter differenzierte und zusätzliche Raumelemente einführte.
Beim Senat steht man den ganzen Überlegungen deshalb reserviert gegenüber, weil zunächst einmal bis 2017 die U-Bahn 5 quer durch das Quartier gebaut werden müsse, man brauche den Platz für die Baustelle. Auch werden Restitutionsansprüche der Alteigentümer befürchtet. Doch Alteigentümer wertvoller Grundstücke sind auch potenzielle Investoren. Außerdem lassen sich viele Grundstücke lukrativ vermarkten. Schon diese Faktoren werden die Diskussion weiterhin befeuern.
Auch die Gesellschaft historisches Berlin sieht sich aufgerufen. Vielleicht lässt sich ja das eine oder andere historische Gebäude rekonstruieren. Stimmann hätte wohl nichts dagegen. Er hat sogar seine Freunde um Entwürfe für einen Neubau von St. Petri drüben an der Gertraudenstraße gebeten (Es wäre das vierte Mal in der Geschichte, dass die Kirche neu ersteht). Dass von einem Bedarf für ein weiteres Gotteshaus nicht im geringsten ausgegangen werden kann, ficht ihn nicht an, er spricht lieber davon, "dass hier so etwas wie eine kritische Rekonstruktion auch der geistigen Beziehungen von Stadt und Kirche notwendig ist". Wie man mit Architektur und Städtebau einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführt, auch dieses Rezept scheint ihm eingegeben.

Falk Jaeger