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Podest 34|09
 
Stadt am Neckar: Heilbronn

Steidle Architekten mit t17 Landschaftsarchitekten gewinnen den Wettbewerb um die Neckarvorstadt Heilbronn. Johannes Ernst und Manfred Kerler stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.
Bau des Neckarkanals, rechterhand das historische Carls- und Flosshafenbecken
(Bild: Stadt Heilbronn)

Welche Bedeutung hat der Wettbewerb für Heilbronn?

Wir haben in Heilbronn einen laborartigen Aufbau vorgefunden: Ein spektakulärer Leerraum auf einer Flußinsel in der Mitte der Stadt, ein Spannungsfeld zwischen bürgerlichen Stadtstrukturen und (post-) industrieller Vorstadtentwicklungen, Außenräume mit höchst unterschiedlichen Prägungen und Atmosphären, eine klassische Mittelstadt zwischen Wachstum und Schrumpfungsprozessen, die Bundesgartenschau als Programm im Hintergrund als treibende Kraft...also eine idealtypische Versuchsanordnung für ein Projekt das die essentiellen Fragen nach der Entwicklung einer Stadt stellt. Einerseits konkret und real hier vor Ort aber auch allgemein und ortsübergreifend. Insofern liegt die Bedeutung dieses Projektes für Heilbronn nicht nur in den tatsächlichen und unmittelbaren Konsequenzen und Chancen dieser Wettbewerbsentscheidung im räumlichen Sinne, sondern in der allgemeinen, ortsübergreifenden Bedeutung des Projektes. Dinge die hier entschieden und gemacht werden können Signale für andere Orte, ob Groß- oder Kleinstadt, aussenden und weitere beispielhafte Diskussionen und Entwicklungen generieren. Wenn Heilbronn hier den Mut entwickelt die gestellten Fragen mutig und innovativ zu beantworten, die jetzt freigelegten Potentiale in Qualität umzuwandeln kann die Stadt eine unheimlich starke Rolle in der Städtelandschaft spielen und einen guten Beitrag zu der Entwicklung der "bewohnbaren Stadt" zu leisten.
Kernbereich
Welche stadträumlichen und landschaftsbezogenen Themen waren Ihnen besonders wichtig?

Das nun schon über hundert Jahre alte Thema der Stadtlandschaft, des Verhältnisses von Stadt und Natur, Stadtkörper und Freiraum, Masse und Leerraum beschäftigt uns bei diesem Projekt sehr. Wie können wir diese elementaren Dinge klar charakterisieren, ihnen Identität geben und so zueinander in Bezug setzen, dass wir ein spannungsvolles Verhältnis der einzelnen Bereiche erzeugen das dann im Zusammenspiel dann ein "Mehr" ergibt? Die signifikante Großform, die klar definierten öffentlichen Räume sind die wichtigsten Arbeitsmittel. Flexible und veränderbare Strukturen auf der Ebene der Bautypologien geben dann jeder Generation wiederum die Chance zur Interpretation und zum individuellen Ausdruck. Mal wird die Architektur besser, mal nicht so gut. Solange jedoch das Gerüst stabil ist bleibt eine grundsätzliche Qualität immer gesichert. Hierbei spielt natürlich die lange vernachlässigte und unterbewertete Architektur des öffentlichen Raumes die zentrale Rolle. Hier entscheidet sich das Spiel viel eher als im Bereich der architektonischen Highlights, hier muss man neue Wege gehen und sich zum Beispiel nicht in vorauseilendem Gehorsam dem Diktat der herkömmlichen Verkehrsplanung ergeben. Konkret ergibt sich bei diesem Projekt durch die Freilegung der alten Hafenbecken im Zusammenhang mit Neckar und Neckarkanal für dieses Freiraumgerüst ein jedoch wunderbares Potential, das kaum umzubringen sein wird . . .
Schwarzplan
Was ist im Konzept für die anstehende Bundesgartenschau vorgesehen?

Der Kernbereich der Gartenschau liegt im Bereich des Fruchtschuppenareals zwischen und um die zentralen Wasserflächen. Eingerahmt von den dauerhaft angelegten Landschaftsteilen entlang von Neckar und Kanalhafen befinden sich hier die temporären Ausstellungsflächen mit intensiv gestalteten Themengärten, Seebühne und Blumenhallen. Über den landschaftlich gestalteten Neckaruferpark mit Spielangeboten für Klein und Groß ist auch das Experimenta-Areal an das Gartenschaugelände angebunden. Der Hafenpark westlich des Badesees thematisiert die industrielle Geschichte der Stadt und gewährt mit seinen Aussichtspunkten Ausblicke auf Neckarkanal und Hafenindustrie. Außerhalb des Kernbereichs finden sich erweiterte Ausstellungsbereiche, die das Angebot der Gartenschau ergänzen. Im Bereich "Bahnbogen Böckingen" können wir uns den Gärtnermarkt vorstellen, südlich davon lassen sich auch die Kleingärten in das Gesamtkonzept integrieren. Ein übergeordneter Bootsshuttle verbindet die unterschiedlichen Ausstellungsbereiche miteinander, auch die entfernten Außenbereiche "Wertwiesenpark" und "Sportpark Böckingen" werden damit an die Gartenschau angebunden.
Bundesgartenschau
Nutzungs-Mix
Welche besonderen Qualitäten für Wohnen und Arbeiten sind im neuen Quartier zu erwarten?

Wir haben versucht eine Situation zu erzeugen die so aufgebaut ist, dass man sich nicht entscheiden kann wo man sein will: alle Baufelder liegen immer mit mindestens einer Grenze am Wasser und/oder an einem Landschaftsraum. Wasser und Landschaft sind wiederum in prägnant unterschiedlichen Erscheinungen vertreten, von ländlich - romantisch bis hart - industriell. Die beiden Pole "Hafen" und "See" halten ebenfalls eine Vielschichtigkeit bereit die möglichst unterschiedliche Zielgruppen ansprechen soll. Hierin liegt eine große Herausforderung: Eine Stadt lebt durch die Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Zustände und Ereignisse. Es muss alle Arten von Wohn- und Lebensformen hier geben, von arm bis reich, laut und leise, kultiviert und roh. In weiten Teilen des Fruchtschuppenareals sollte die intensive Mischung von Arbeiten und Wohnen innerhalb der einzelnen Baufelder angestrebt werden, kulturelle Nutzungen und Aktivitäten sind unabdingbaren Bestandteile einer erfolgreichen Entwicklung. Es muss aber auch Bereiche geben in denen über Nischen und Leerräume Prozesse sich freier entwickeln können. Wenn das nicht gelingt wird es auch hier werden wie in den meisten Neubaugebieten, nämlich eine Mischung zwischen lebloser Vorstadtsiedlung und der unnatürlichen Stimmung in einer Ferienanlage.
Im besten Fall gelingt es hier nicht die Neckarvorstadt sondern die Neckarstadt Heilbronn zu entwickeln.
Blick über den Neckar
In welchen Etappen können wir uns das Gesamtprojekt vorstellen?

Der erste Schritt zur Entwicklung des neuen Stadtteils liegt sicherlich in der Umsetzung des Erschließungskonzepts. Straßen und Brücken werden hier die ersten Bausteine des Quartiers sein. In der weiteren Phase können mit dem Neckaruferpark, den zentralen Wasserflächen und dem Hafenpark entlang des Neckarkanals erste Landschaftsteile entstehen, die den Rahmen für die spätere BUGA 2019 bilden werden. Im Anschluss daran ist es durchaus denkbar, dass sich bis zur Gartenschau bereits erste Gebäudekörper im Fruchtschuppenareal und Teilbereiche des südlichen Bahnhofsumfeldes mit der neuen Bahnhofspromenade realisieren lassen. Für die BUGA 2019 können dann bis dahin noch nicht bebaute Bereiche als temporäre Ausstellungsflächen für Themengärten und Blumenhallen genutzt werden. Erst nach der Gartenschau werden die restlichen Abschnitte des Fruchtschuppenareals und die verbleibenden Baufelder des Bahnhofsumfelds das neue Stadtquartier vervollständigen. Davon unabhängig zu betrachten sind sicherlich der "Bahnbogen Böckingen" und der Heilbronner Innovationspark "HIP", diese Bereiche können je nach Bedarf eigenständig entwickelt werden.
Modell von Süden (Bild: Wick + Partner, Stuttgart)
Das eMail-Interview führte Peter Petz
 
Die gesamte Wettbewerbsdokumentation finden Sie in wa 08/2009