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Einen breit gefächerten Überblick mit etwa 80 Beispielen für umgenutzte denkmalgeschütze Gebäude in Nordrhein-Westfalen gab das Europäische Haus der Stadtkultur, das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland und dem LWL-Amt für Denkmalpflege in Westfalen heraus. Die Publikation kann kostenlos bezogen werden. Vom Nutzen des Umnutzens Der immer noch wenig geliebten Nachkriegsmoderne widmet sich der von Michael Braum und Christian Welzbacher herausgegebene Band der Bundesstiftung Baukultur: Nachkriegsmoderne in Deutschland – Eine Epoche weiterdenken Immer noch aktuell: Der Katalog der Ausstellung "Zeitschichten" von 2005 gibt einen profunden Überblick über die Geschichte und Gegenwart der Denkmalpflege in Deutschland. Zeitschichten. Erkennen und Erhalten – Denkmalpflege in Deutschland |
Alte Steine sind attraktiv. Peter Kulka behauptete kürzlich, die Menschen seien verrückt nach Erinnerung. Wolfgang Pehnt zweifelt allerdings an, dass sie sich tatsächlich mit Geschichte auseinandersetzen wollen. Das eine ändert leider nichts daran, dass dem behördlichen Denkmalschutz Mittel gekürzt werden, das andere wiederum nichts am Misstrauen gegenüber moderner Architektur. Eine vertrakte Situation, die aber Architekten wie Denkmalpfleger auch als Chance begreifen könnten. Das Interesse für alte Bauten ist groß. Die Denkmalpflege profitiert davon zu wenig. (Bild: Christian Holl)Der Tag des offenen Denkmals gilt gemeinhin als Erfolg. 4,5 Millionen Menschen seien am 13. September 2009 "in Sachen Denkmalschutz auf den Beinen" gewesen, so wurde offiziell verlautbart. Der Tag der Architektur lockte dagegen lediglich 150.000 Besucher an: 30:1 für den Denkmalschutz. Und doch ist es um die institutionelle Denkmalpflege nicht gut bestellt, in den letzten Jahren wurden Mittel gekürzt, Stellen eingespart, Verwaltungsstrukturen so geändert, dass der Denkmalschutz an Einfluss verliert. In einem Kolloquium im November in Köln wurde zudem beklagt, dass der Denkmalschutz nicht mit einer Stimme spreche. "Zu vielfältig, schlecht organisiert oder nur regional wirksam sind die Meinungen und Akteure. Appelle, Petitionen und Empfehlungen bleiben ungehört. Konzertierte Aktionen bleiben Ausnahmen. Der Politik fehlt ein Ansprechpartner," hieße es im Ankündigungsflyer zur Veranstaltung "Denkmal-Lobby Deutschland – Wieviele Köche verderben den Brei?" Ob allerdings lediglich die mangelnde Koordination allein ein Problem ist, scheint fraglich. Denn einig war man sich in Anliegen der Denkmalpflege noch nie gewesen. Die prinzipiellen Fragen nach Rekonstruktion, Zugänglichkeit des zu Erhaltenden und Formen des Erhaltens sind so alt wie die Denkmalpflege selbst. Sobald der Erhalt im Originalzustand, die ursprüngliche Nutzung nicht mehr möglich ist, beginnt der Abwägungsprozess. Die Reversibilität von Umbauten lässt sich nicht immer erzwingen, dazu kommen neue Anforderungen an Haustechnik, Komfort, Energieeinsparung, die Eingriffe in die Substanz des Denkmals erfordern. Und irgendwann sind auch Umbauten Zeitzeugnisse. Sehr schnell beginnt die Grenze, jenseits derer die Denkmalpflege Interpretation ist, Interpretation, die das eigene Selbstverständnis und das Verhältnis der Gesellschaft zu ihrer in Bauten erkennbaren Geschichte reflektiert und mit der Erinnerung konstruiert wird. Der Denkmalschutz und die Denkmalpflege sind und waren daher stets dazu aufgerufen, sich immer wieder neu zu finden und zu erfinden. Doch das ist schon lange keine Aufgabe allein mehr von Kunsthistorikern, Theoretikern oder anderen Spezialisten. Es ist eine Frage, die die Architekten angeht, und zwar weitaus mehr, als es in der Vergangenheit der Fall war. Zwei Gründe sollten die Architektenschaft dazu bewegen, sich intensiver und nachdrücklicher als bisher des Themas anzunehmen. Erstens: 4,5 Millionen Menschen am Tag der Denkmalpflege, 150.000 am Tag der Architektur. Prinz Charles, Wolfgang Thierse, Günter Jauch, Wilhelm von Boddien und andere finden Gehör und Anerkennung mit ihrer Ablehnung von Moderne und deren abstrakter Nüchternheit. Es hilft ja nicht, die Sehnsucht nach Bildern der Vergangenheit zu geißeln und sich in sinnlose Grabenkriege zu begeben. Ohne eine Reflexion dessen, was sich hier als Sehnsucht artikuliert, und ohne ernst zunehmen, wogegen sich diese Sehnsucht richtet – die "seelenlosen Scheußlichkeiten unserer Städte", wie es Hanno Rauterberg in der Zeit formulierte –, wird es nicht gelingen, eine überzeugendere Antwort als die der Rekonstruktion oder der Kopie zu finden. Es ist nicht schwer zu erraten, welches der auf dem Bild zu sehenden Gebäude die meisten Menschen begeistert. (Bild: Christian Holl)Zweitens: Der Auseinandersetzung mit dem Bestand kann man sowieso nicht mehr aus dem Weg gehen. Ohne dass es einen großen Knall gegeben hätte, drängt sich der Umbau in den Vordergrund aller Bauaufgaben. Etwa 60 Prozent aller Bauleistungen, so das Institut Fortbildung Bau, werden inzwischen im Bestand erbracht. 80 Prozent aller Häuser, die 2020 stehen werden, standen schon 1998. Dazu kommt, dass der Erhalt von Gebäuden stets Vorrang vor dem Abriss haben muss, will man ökologisch verantwortungsvoll handeln. Der Umbau im Bestand ist keine Nischenaufgabe mehr, sie ist der prägende Alltag der Architekturpraxis. Architekten müssen sich daher intensiver mit der Geschichte der Bauten auseinandersetzen, deren Entstehungskontexte und Nutzungsgeschichte reflektieren und sie in Zusammenhänge einordnen können. Dazu gehört das Wissen um die im Bestand aufzufindenden Konstruktionen und Materialien, aber auch das Wissen um den kultur- und sozialgeschichtlichen Kontext. Nur so erwerben sich Architekten den Respekt vor Nutzern und Bauherren, nur so verfügen sie über Argumente, mit denen sie den Erhalt plausibel machen können. Architekten brauchen im Umgang mit dem Bestand aber auch ein methodisches Wissen, wie der Bestand zu erfassen ist, ein Wissen, das ihnen in vielen Fällen nicht oder unzureichend zur Verfügung steht. Was ein Raumbuch ist, wissen zu wenige. Nun ist es beileibe nicht so, dass der Architekt stets selbst alles wissen und können muss. Es geht auch darum, Experten einbinden zu können, den offenen Dialog mit ihnen zu pflegen und auszubauen. Oder selbst zum Experten zu werden. Es sollten sich mehr Architekten die Denkmalpflege zum Arbeitsfeld wählen. Die Vergangenheit besteht nicht nur aus Frauenkirchen und Hohenzollernschlössern. Auch mit Bürostädten, hier ein Gebäude aus Hamburgs City-Nord, wird man sich auseinandersetzen müssen. (Bild: Christian Holl)Doch nicht nur die Architekten sind herausgefordert. Auch unter den Denkmalpflegern ist der Diskurs gefordert. Denn es kann nicht mehr nur darum gehen, historisch zu sehen und zu werten. Wenn der Umbau im Bestand die beherrschende architektonische Aufgabe ist, wenn man sich mit den Einfamilienhausgebieten der 1950er Jahre genauso wie mit Bürostädten der 1960er und 1970er Jahre auseinandersetzen muss, dann kann die Denkmalpflege mit ihren Methoden und Erfahrungen wertvolle Hilfestellungen leisten. Das heißt aber, dass sich die Frage nach der Qualität des Bestandes auf eine andere Weise stellt, weil es nicht mehr lediglich um historische Relevanz oder Repräsentanz geht. In den Mittelpunkt der Auseinandersetzung müssen architektonische Qualitäten treten, solche, die nach der räumlichen und atmosphärischen Qualität, die nach der Tauglichkeit im Hinblick auf neue Nutzungen oder den variablen Gebrauch fragen. Entwerferisches Denken, das sich auf das richtet, was möglich sein könnte, würde helfen, die unseligen Gegenüber von Entwerfern und Denkmalschützern zu überwinden. Denkmalpfleger sollten das als eine Chance begreifen, als eine Chance zu einem Dialog, der helfen kann, das diffuse Interesse der Bevölkerung für das Anliegen der Denkmalpflege zu aktivieren. Das wird nur gelingen, wenn nicht dogmatisch am Erhalten und an kunsthistorischer Distanziertheit festgehalten wird, sondern weitreichender als bisher Perspektiven für den Umgang mit dem Bestand eröffnet werden. Das die institutionelle Denkmalpflege notwendiger denn je ist, wird so plausibler. Nutzt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zur Erweiterung des architektonischen Formenrepertoires: der Architekt Peter Haimerl. Im Bild die Aufstockung der Salvatorgarage in München. (Bild: Ursula Baus)Aber auch Architekten, die nicht explizit in der Denkmalpflege ihr Tätigkeitsfeld sehen, könnten die Auseinandersetzung mit dem Bestand und seiner Geschichte als eine Chance begreifen, ihr Repertoire zu erweitern. Anstatt lediglich die Rhetorik der Moderne wiederzukäuen und damit am Mythos eines Neuanfangs ihrer Heroen teilhaben zu wollen, anstatt andererseits geschichtliche Formen lediglich zu kopieren und damit einer komplexitätsreduzierten Sicht auf die Geschichte Vorschub zu leisten, weil man nur noch Ausschnitte reproduziert, könnte man geschichtliche Formen gerade auch mit Hilfe des Computers dazu verwenden, eine neue und eigene Komplexität zu generieren.
Wolfgang Pehnt, 2009 einer der Träger des Deutschen Preises für Denkmalschutz, stellt zu Recht in seiner Dankesrede in Zweifel, dass es sich bei der aktuellen Sehnsucht nach Vergangenheit um eine nach Geschichte handelt. Man wird der Geschichte nicht gerecht, in dem man sie konserviert, noch, in dem man sie als unvergängliche und überzeitliche Konstante stilisiert. Ihre Relevanz und Lebendigkeit für eine Gestaltung der Gegenwart herauszustellen ist die Aufgabe, die sich Architekten und Denkmalpflegern stellt. Sie können sie bewältigen: in intensiver Auseinandersetzung mit dem Publikum und untereinander. Aber letztlich nur gemeinsam. ch |
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