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Unauffällig, originell, vielfältig
 
Im Schatten der großen Show im Ruhrgebiet geht die IBA Stadtumbau 2010 in ihr letztes Jahr. Zum ersten Mal ist ein ganzes Bundesland Kulisse einer IBA, die sich allerdings weniger darum kümmert, eine Ausstellung zu liefern, als vielmehr darum, nach Wegen zu suchen, mit den Herausforderungen des Schrumpfens umzugehen.
05_1.jpg19 Städte, 19 Konzepte. Die IBA Stadtumbau in Sachsen-Anhalt. (Bild: IBA-Büro GbR)
Wer in München wohnt und an den Wochenenden vorzugsweise zwischen den vollfetten Bauernhöfen im Chiemgau spazieren geht, dem wird ein Ausflug in die flachen Landschaften um Elbe und Saale, die einfach nicht blühen wollen, zur Exkursion in eine trostlose Welt. Als sei man in Geiselgasteig zwischen die Filmattrappen geraten, blickt man auf einstürzende Altbauten und ruinöse Fabrikschlösser, und man spürt mit schlechtem Gewissen eine Mischung aus Ratlosigkeit und Voyeurismus. So sieht das also aus, wenn Städte schrumpfen.

Leidbilder? Leitbilder!

Hier geht es ums schlichte Überleben in einer ausgebluteten Landschaft. "Stadtumbau 2010" heißt das Thema der IBA in Sachsen-Anhalt. Das Kürzel IBA steht dabei nur als Formel, denn weder treibt man es hier international, noch ist mit architektonischen Ikonen zu rechnen, selbst ausgestellt wird fast nichts. Die IBA Stadtumbau 2010 ist eine Projekt- und Strategieorganisation, die für die absterbenden Klein- und Mittelstädte auf der Basis regionaler Ressourcen ein eigenständiges Profil entwickelt. Sie firmiert als GbR, verfügt über keinen eigenen Etat und wird von der Stiftung Bauhaus Dessau und der SALEG (der Sachsen-Anhaltinischen Landesentwicklungsgesellschaft) getragen. 19 Städte sind seit 2002 nach und nach dazugekommen. Ihre individuell formulierten Konzepte wurden akzeptiert, sie genießen nun Beratung und Aufmerksamkeit für ihre Umbau-Arbeit, die zu ihrem gewöhnlichen Tagesgeschäft geworden ist. Man darf also noch weniger Showgeschäft als bei Karl Gansers IBA-Emscher-Park erwarten. Weder kippt Frank Gehry einen Blechhaufen in die Heide, noch sind Exerzitien mit Rem Koolhaas und Peter Sloterdijk vorgesehen. Es wird unauffällig vor Ort gearbeitet, unvergleichlich vielfältig. Man zögert nicht, das Wort originell zu schreiben.
Wittenberg etwa, als Lutherstadt Baedeker-berühmt und mit Unesco-Welterbestätten dekoriert, besitzt zwar keine eigene Universität (die ist nach Halle abgewandert), wird aber das geisteswissenschaftliche Potenzial, das noch in den Mauern abgelagert hat, als Katalysator nutzen. Melanchthon, Luther, die Künstlerfamilie Cranach oder Wilhelm Eduard Weber, der Erfinder des Telegrafen, zählen zum historischen Personal, das in Wittenberg gewirkt hat. CAMPUS nennt sich die Idee eines über die Stadt auf unterschiedliche Orte verteilten Studienangebots, eine Art fiktionales Dach, für das sich vor allem amerikanische und kanadische Partner interessieren. Sanierung via Reformation.
05_2.jpgIns Bernburger Schloss wird die Musikschule einziehen. Auch international renommierte Lehrer finden sich zu Workshops oder Konzerten ein. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Schulen und therapeutische Stadtplanung
Auch Bernburg, landschaftlich durch Berg- und Talstadt ausgezeichnet, bis zur Wende als schmutziger Industriestandort verdorben, sieht seine Entwicklung unter dem Rubrum "ZukunftsBildung". Hier findet man die Zielgruppe bereits in den Schülern der Sekundarstufe, deren kooperierende Ausbildungsstätten mit Partnern aus Wirtschaft, Kultur und Gesundheitswesen in einem "Campus Technicus" zusammenfinden. Ein Neubau und zwei sanierte Schulgebäude werden durch attraktive Wegeverbindungen den Freiraum Stadt sichtbar einbeziehen. Wozu Architektur dabei dienen kann, zeigt die neue, mehrfach preisgekrönte evangelische Grundschule, die wie ein hölzernes Passepartout die gotische Martinskirche säumt. Ins Schloss wird nach dem Umbau die Musikschule einziehen. Um die Bevölkerung an dieser ständigen Kooperation teilhaben zu lassen, wird ein multifunktionales kulturelles "Treibhaus" gebaut; dort kann sie sehen, dass die neuen Schulkonzepte die Grundlage der Stadtsanierung sind.
Eigenwilliger klingen die Methoden, die man in Köthen verfolgt. Zur Stadt fällt einem als erstes Johann Sebastian Bach ein, der hier als Hofkapellmeister von Herzog Leopold ein sorgenfreies Musikerleben führte. In der IBA-Umgebung war aber ein anderer Geist maßgebend. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in Köthen die Homöopathie begründet. Samuel Hahnemann nutzte die (immer noch) herrschende Liberalität, wie man heute gerne verweist, um neben der Schulmedizin mit einer anderen Interpretation von Krankheit zu experimentieren. Von hier ausgehend hat man den homöopathischen Ansatz auf den "Patienten Stadt" übertragen. Die Schritte heißen Anamnese, Analyse, Impulssetzung, Verlaufsbeobachtung. Zusammen mit Medizinern definierte man als Ziel nicht die "gesunde" fertig gebaute Stadt, sondern suchte die systemische Eigenregulation anzuregen für die Selbstheilungskräfte der abgemagerten Kommune. Anstelle einer Masterplan-Logik verständigte man sich an vielen Orten auf kleine Schritte. Wichtig war, den Einwohnern die Folgen des Nichtstuns vor Augen zu führen, die drohenden Kahlschläge, die Renditesanierung der Investoren... Die Ludwigstraße diente als eines der Testfelder, stabile Gerüste geben eine Ahnung von den nach einem Wettbewerb zu erwartenden Baulückenschließungen. Immerhin konnten einige der 17 abrissreifen Häuser durch Eigeninitiative erhalten werden; im sanierten Spitalgebäude des ehemaligen Klosters wird die Europäische Zentralbibliothek für Homöopathie eingerichtet. Die Methode der "offenen Gebietsentwicklung" ist im Detail für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar, es klingt eigenartig, aber auch reizvoll, wenn die Lehrmeinungen fremder Disziplinen ("similia similibus curentur") die Methode bestimmen.
05_3.jpgIn Dessau-Roßlau entsteht in der perforierten Stadt ein Landschaftszug. Wer sich dem Abriss widersetzt wohnt im Grünen. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Perforation, Promenaden und Verkehrsprobleme
Greifbarer wird die Arbeit in Dessau-Roßlau. In 25 Jahren wird sich die Einwohnerzahl von ehemals (1989) 100.000 auf 52.000 reduziert haben. Die Bauhaus-Stadt mit Unesco-Weltkulturadel besitzt keinen barocken Kern, auf den es sich zurückziehen ließe. Die Fläche als Ganzes steht zur Disposition. Mit zähen Verhandlungen ist man dabei, den wilden Kahlschlag zu moderieren und einen kontinuierlichen Grüngürtel anzulegen. Als "Roter Faden" wird er einmal als Erholungsweg auf den Brachen die Stadt säumen. Dabei geht es nicht um eine Investition der Stadtgärtnerei, sondern um eine mit vielen Vereinen und Gruppen ausgehandelte Freiraumnutzung ("Claims"), die auch die ursprüngliche Funktion noch erkennen lässt. Das können zertrümmerte, von Sträuchern überwuchert Straßenfragmente sein, industrielle Hinterlassenschaften, aber auch Häuser, deren Besitzer sich der Planung widersetzt haben und nun paradoxerweise im Grünen wohnen. Allerdings dürften die technischen Probleme und notwendigen Investitionen nicht geringer sein, allein die mit dem Einwohnerrückgang zunehmend überdimensionierten Versorgungsstränge verschwinden nicht, wenn darüber Birken wachsen. Die Nähe zum Wörlitzer Gartenreich hilft nur ideell.
05_4.jpgDie Ausstellung "Hitzefrei" zeigt in der Drive Thru Gallery Ascherslebens Bilder von Christopher Winter. (Bild: Doreen Ritzau, IBA_Büro GbR)
Auch in Aschersleben gibt es einen Rundweg um die unter besonderer Pflege stehende historische Altstadt. Ähnlich wie in Wittenberg wird an den Rändern abgerissen und die Innenstadt aufgewertet. Dies geschieht, indem man öffentliche Einrichtungen ins Zentrum verlegt. Ein Abschnitt des renaturierten Eine-Flusslaufs bereitet schon auf die kommende Landesgartenschau 2010 vor. Aber es lebt sich längst nicht so idyllisch, wie manche Fotos der hübsch sanierter Häuser vermuten lassen. Aschersleben wird an drei Seiten von einem Straßenring attackiert, auf dem drei Bundesstraßen zu einer Lärm- und Abgasschneise zusammenführen. Da eine Umgehung oder ein Tunnel nicht finanzierbar sind, versucht man mit kleinen Behelfen, den Verkehrsweg erträglicher zu machen. Eine Drive Thru Gallery mit Fotos und Gemälden in Billboard-Größe geben der Straße ein anderes Gesicht. Künstlerische und temporäre Installationen als "Materialwände" in Baulücken und leer stehenden Häusern verbannen zwar nicht den Verkehr, aber die Passage für Fußgänger und Autofahrer kippt auf einmal in eine urbane Attraktion um. Wenigstens für uns Touristen. Diese Initiative ist zwar anspruchsvoller, als etwa ein aschestreuendes Kraftwerk mit bunten Streifen zu behübschen, aber es bedarf der ständigen Kuratierung des Projekts, denn ohne Veränderung und Mitwirkung der Bewohner reduziert sich die Ausstellung zur Dekoration.
05_5.jpgEine Landesgartenschau gibt es auch – in Aschersleben. Bevor sich ein Industrieareal in ein Bildungszentrum (Architektur: LRO Architekten) verwandelt, wird es als Blumenhalle dienen. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Planung antizipiert das Leben, Bauen umschreibt es konkret
Im Gegensatz zur Architektur hat Städtebau immer einen politischen Anspruch. Der nie fertige Zustand der Stadt ist dabei keine Begleiterscheinung, sondern Bedingung. Die Kommunen im Osten, die sich unter dem IBA-Dach eingefunden haben, suchen eine Korrespondenz zwischen Kontext und Objekt. So entstehen Implantate an verkrüppelten Orten. Oder Amputationen. Das Ziel heißt nicht, eine schöne Stadt zu bauen (die würde man natürlich als Nebenwirkung gerne in Kauf nehmen), man arbeitet ja an keiner postmodernen, ästhetischen Rekonstruktion für Bilderbuchbürger. Auch Denkmalpflege wäre eine andere Veranstaltung. Der "Stadtumbau 2010" lehrt uns, dass Architektur erst als Folge funktionaler (wirtschaftlicher, kultureller und sozialer) Faktoren entstehen kann und keine Gehäuse vorab liefert, für die man später Nutzungen zusammensuchen muss, wie es die Hauptstadt gerade krampfhaft demonstriert. Es gibt keine geschichtslosen, keimfreien Orte, deshalb steht auch das Ende (und der Erfolg) dieser IBA offen. Sie wird hoffentlich keine musealen Kulissen hinterlassen, sie kann auch 2010 nicht zu Ende sein, sondern muss als Prozess lebendig bleiben. Der Raum ist definiert, bei der Zeit möchte man um Zugaben bitten. Das ist das Problem.
Was bereits zu sehen ist, wirbt für die Region. Die Klein- und Mittelstädte in Sachsen-Anhalt lohnen sich sehr als Reiseziel – für eine Exkursion in eine Art Überbau-Wirklichkeit. Wir kommen wieder! Wolfgang Bachmann

Der Artikel ist eine gekürzte Version eines Beitrags, der in der Januar-Ausgabe des Baumeister veröffentlicht worden ist.