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Beyond Planwerk
 
Vor bald zehn Jahren war das Planwerk Innenstadt nach hitzigen Debatten verabschiedet worden. Es hatte polarisiert und damit wiederum zusätzliche Probleme geschaffen, es war zu eng gefasst worden, um heute noch hilfreich zu sein. In die Praxis umgesetzt wurde Weniges davon. Über den Innenstadtbereich hinaus existiert stattdessen eine Vielzahl von neuen Planungen und Planwerken, die aber unzureichend miteinander verknüpft werden. Ein Workshop regte an, die Gesamtstadt in den Blick zu nehmen.
06_1.jpg"Strategische Entwicklung weiterdenken!" lautete die Aufforderung an die Teilnehmer von "Beyond Planwerk". Es wurde konstruktiv und intensiv diskutiert (Bild: CMS, Berlin)
Die Veranstaltung kam zur rechten Zeit. "Beyond Planwerk" hatten die Initiatoren, vier Nachwuchswissenschaftler der TU Berlin diesen Workshop genannt. Beyond – das heißt nach dem Planwerk Innenstadt, aber auch darüber hinausgehend: räumlich, inhaltlich. In einer Einführung hatte Harald Bodenschatz darauf verwiesen, dass das Planwerk Innenstadt schon historisch sei, und dass es heute an einer zusammenhängenden Strategie für die Gesamtstadt fehle. Zu eigenbrödlerisch gehe man an die Planung, die Potenziale der Stadt blieben ungenutzt. Und tatsächlich hatte man im Vorfeld den Eindruck, Berlin habe nichts Besseres zu tun, als zum wiederholten Male die bestens bekannten Gräben zu beziehen, aus denen sich so bequem der vermeintliche Gegner fixieren lässt. An- oder aufgeregt vom ehemaligen Senatsdirektor beginnt man in Berlin mit der Diskussion über das Rathausforum, wieder über ein Bild der Stadt in ihrem Zentrum zu diskutieren, als gäbe es kein Morgen, oder wenigstens sonst keine Probleme (siehe eMagazin vom 10. Juni 2009). Einmal mehr, diesmal hatte Jürgen Trittin sich des verbalen Ausrutschers nicht enthalten können, wird gestritten, ob es in Berlin Ghettos gebe oder nicht. Beyond Planwerk: Das war nicht zuletzt ein Appell, die Diskussion nicht von griffigen Parolen, trennender Polemik oder symbolische Kompensationsschlachten bestimmen zu lassen, sondern sich seriös und fundiert über die gesamtstädtischen Zusammenhänge auszutauschen.
06_2.jpgDas Planwerk Südostraum (im Bild die Fortschreibung von 2008) versteht sich als stadträumliches Konzept für den Entwicklungskorridor zwischen Innenstadtrand und neuem Flughafen. (Bild: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin)
Der Appell fruchtete: Eineinhalb Tage diskutierten insgesamt 130 Teilnehmer intensiv, und trotz mancher inhaltlicher Differenz konstruktiv miteinander. Vier Themenkomplexe gaben die Veranstalter für ihren Workshop vor, zu dem sie in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung eingeladen hatten: Wasserlagen, Flughäfen, Tourismus und benachteiligte Stadtquartiere – Themen jeweils eigener räumlicher Orientierung, mit je eigenen planerischen Potenzialen, aber auch eigenen, mitunter gravierenden Problemstellungen. Der Workshop zeigte exemplarisch, dass eine Überlagerung jeweils spezifischer Ansätze zu gewinnbringenden Wirkungen führen kann – ein schon im Veranstaltungsaufbau enthaltenes Plädoyer für eine vernetzte Planung.
Die Themen korrelierten mit den Forschungsschwerpunkten der vier Initiatoren, doch erwies sich diese auf den ersten Blick überraschende Kombination gerade in der Zusammenschau als erstaunlich plausibel und als eine geschickte Kombination von sich überlappenden Querschnittsthemen, von Fragen nach flächigen und linearen Entwicklungen, von sektoralen und übergreifenden Planungen.
In allen Themen bestätigte sich der Bedarf nach gesamtstädtischen Strategien. Das Thema Flughäfen (vorbereitet von Johanna Schlaack) widmete sich sowohl den großen, neu entstandenen innerstädtischen Brachen von Tegel und Tempelhof, die zusammen immerhin eine Fläche von 900 Hektar messen, aber auch der neuen Entwicklungsachse, die vom neuen Flughafen Berlin-Brandenburg zum Zentrum führt. Es wurde deutlich, dass es nicht nur darum gehen muss, diese Achse im Blick zu haben, nicht nur darum, das Potenzial der Brachen nicht durch Aktionismus zu verschleudern, sondern auch darum, jeweils die Gesamtstadt im Blick zu haben. Die These Schlaacks, dass das Ost-West-Gefälle durch ein Nord-Süd-Gefälle abgelöst werden könnte, blieb unwidersprochen.
06_3.jpgDas Büro Cityförster und jbbug Landschaftsarchitektur haben ein Gutachten für die Nachnutzung von Tempelhof erstellt. Der “Nektar” soll helfen, die Leere zu kultivieren und die wertvolle Fläche vor Aktionismus zu schützen. (Bild: Cityförster/ jbbug)
Dem Tourismus, so die für diesen Komplex verantwortliche Jana Richter, werde in den Planungsstrategien als räumlich wirksame Größe zu wenig Beachtung geschenkt, seine Potenziale für die Quartiere noch zu wenig genutzt. Dabei sind die Zuwachsraten erstaunlich, der Tourismus sei nach den Sektoren Nahrung, Tabak und Genussmittel der umsatzstärkste Wirtschaftszweig der Stadt, wie Gerhard Buchholz von der Berlin Tourismus Marketing ausführte. Brachliegendes Potenzial musste auch dem Thema Wasserlagen (verantwortlich: Aljoscha Hofmann), den Räumen an Spree und Kanälen attestiert werden. Weder sind die Verbindungen entlang der Ufer durchgehend und qualitativ zufriedenstellend, noch werden die Wasserlagen in den Planungen für die an sie angrenzenden Quartiere ausreichend genutzt. Die Empfehlung, die von der Tagung ausging, einen Spree- oder Wasserrat zu gründen, der die Ansprüche an eine die Wasserlagen verbindende Planung in die zuständigen Bezirke und Behörden trägt und dazu anregt, Berlin auch einmal vom Wasser her zu sehen und zu denken, sollte ernsthaft geprüft werden.
06_4.jpg"...verpisst euch aus Neu-Kölln!" Es gilt, den Bewohnern die Angst vor der Verdrängung durch gestalterische Aufwertung zu nehmen. Das Vertrauen in die Planung ist derzeit nicht sehr groß. (Bild: Christian Holl)
Alle bereits genannten Schwerpunkt wirken in das hinein, was man aufgrund der Sozialdaten als benachteiligte Quartiere identifiziert. Hierfür konstatierte Cordelia Polinna, die diese Sektion leitete, dass das, was man als Problem wahrnimmt, auch einmal als Potenzial gesehen werden sollte: Die multiethnische Bevölkerung etwa ließe sich nach dem Vorbild der Londoner Brick Lane auch so aktivieren, dass sie vom Tourismus profitieren könnte. Dabei geht es hier mehr darum, aus den Quartieren heraus die Potenziale zu entwickeln und in die Planungen der Gesamtstadt einzubinden. Auch hier seien fach- und quartiersübergreifende Konzepte gefragt, die städtebauliche und architektonische Gestaltung dürfe nicht vernachlässigt werden, was gerade in diesen Quartieren zu oft geschehe. Gerade weil hier zu schnell die Identifizierung von Problemen die Gefahr von Stigmatisierungen in sich trägt, gilt es, besonders genau hinzuschauen: So wurde in der weiteren Diskussion deutlich, dass man den Problemen der Menschen nicht allein mit Konzepten gerecht wird, die sich auf abgegrenzte Areale bezieht, sondern dass es gilt, über bestehende räumliche Zuständigkeitsgrenzen hinaus die Vernetzung herzustellen. Nicht alle Bewohner des jeweiligen Quartiers sind gleichermaßen von den Problemen betroffen, das schwerwiegende Problem der Zugangschancen zu Bildung etwa lässt sich nicht durch Stadtplanung lösen. Außerdem sollte man sich nicht die gestalterische Aufwertung verbieten, aus der Furcht, sie könne Verdrängung auslösen: Verknüpft mit anderen Programmen und Strategien ist sie hilfreich und wertvoll. Das mag wie ein Gemeinplatz klingen, dass darüber aber diskutiert wurde, zeigt, welche Ängste und welche Vorurteile der Planung entgegengebracht werden – die daher umso ernster genommen werden sollten.
06_5.jpgBerlins Wasserlagen könnten durchaus mehr Zuwendung vertragen. (Bild: Christian Holl)
Auch wenn eine der Initiatorinnen betonte, dass es nicht darum gehe, sich am Planwerk zu reiben, so ist doch deutlich geworden, dass die Probleme, auf die das Planwerk reagierte und die es geschaffen hatte, nicht mehr die sein sollten, an denen man sich weiter unermüdlich abarbeitet. Anstatt mit Bildern fertiger Städte zu arbeiten, könnten prozessuale Strategien und integrierte Konzepte im Vordergrund stehen. Dass in den Workshops keine Entwürfe erstellt wurden, stellte Reiner Nagel von der Senatsverwaltung überrascht am Ende der Veranstaltung fest. Vielleicht liegt das daran, dass es jetzt eben erst einmal nicht um Entwürfe gehen sollte, sondern um das, was Entwürfen erst die stimmige Basis gibt: die konzeptionellen Strategien, eine integrierte Planung, in der man sich nicht fragt, ob man Bottom-up- oder Top-down-Strategien verfolgt, kurzfristige Projekte initiieren oder die Langzeitentwicklung im Blick haben sollte, weil sich jeweils beides ergänzen muss. Beyond Planwerk war als Auftakt gedacht, als Impuls für eine Diskussion über die zukünftige Planung in Berlin. Ob dieser gelungene Auftakt weiter wirkt, hängt davon ab, ob die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung diesen Impuls aufgreifen. Es wäre die Chance, zu zeigen, dass Ghetto-Diskussionen ebenso wie die leidige Diskussion um das Für und Wider der Rekonstruktion historischer Mitten vorerst einmal so zu behandeln sein sollten, wie es ihrer gesamtstädtischen Bedeutung entspricht: Als etwas, was sowohl an den Chancen wie an den Problemen der Stadt vorbei zielt. ch