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Da bist du ja wieder
 
In Berlin hieß eine kürzlich zu Ende gegangene Ausstellung "Wiederkehr der Landschaft". Auch anderenorts blüht der Diskurs über die Landschaft und die Landschaftsarchitektur auf. Ja, aber wo ist sie denn zwischenzeitlich gewesen, die Landschaft? "Wiederkehr der Landschaft" ist ein irritierender Titel – er trifft aber genau, was Landschaft ist und zu leisten vermag
24_1.jpgSally Ann Norman wurde beim Europäischen Architekturfotografie-Preis 2009 "Neue Heimat" ausgezeichnet. Die Bildserie zeigt ein Gelände in Newcastle upon Tyne, die Häuser sind zerstört, nur die Straßen blieben. (Bild: S. A. Norman, architekturbild e.v.)
Landschaftsarchitektur, überhaupt das Thema Landschaft ist wieder en vogue, so scheint es: Anfang des Jahres wurde in Düsseldorf die inzwischen in Brüssel zu sehende Ausstellung Naturtektur gezeigt, Landschaft 2.0 war eine Ausstellung betitelt, in der künstlerische Konzepte im Umgang mit dem Thema der Landschaft gezeigt wurden, das Pittorekse als ästhetische Naturkategorie in aktuellen Werken wurde in Herford thematisiert, das DAM zeigt Landschaftsarchitektur, bei der Ruhr 2010 spricht man von der Landschaft des Ruhrgebiets, die zu einem neuen Landschaftsbegriff verhelfen soll, und gerade ging in Berlin die Ausstellung "Wiederkehr der Landschaft" zu Ende. Wiederkehr der Landschaft: wohin man sieht. Wenn die Landschaft nun aber wiederkehrt, dann stellt sich die Frage, wo sie sich denn zwischenzeitlich versteckt hatte?

Appell, Handlung, Stadtlandschaft
Sieht man sich die Ausstellungen genau an, studiert die dazu herausgegebenen Veröffentlichungen, dann werden drei Aspekte deutlich, die uns einer Antwort näher bringen: Zum einen ist oft von Zerstörung, von Bedrohung die Rede: Landschaft sei ein rares und sensibles Gut, mit dem man verantwortungsvoll umgehen müsse, heißt es zur Ausstellung "Naturtektur", von der Vernichtung von Lebensgrundlagen für Millionen von Menschen ist im Vorwort des Katalogs "Wiederkehr der Landschaft" die Rede. Die Fotos Alex McLeans, von denen einige auch in Berlin zu sehen waren, machen diese Bedrohung drastisch sichtbar – und sein Buch "Over" ist ein Verkaufsschlager. Man könnte einen Reflex auf den gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen vermuten, doch dessen Ergebnis konnte man, als all diese Initiativen vorbereitet wurden, noch nicht kennen – wohl aber ahnen, und so trifft die Aufmerksamkeit für die Landschaft auf eine politische Hilflosigkeit, die nun nicht mehr zu leugnen ist. Wiederkehr der Landschaft ist also ein Appell, Landschaft wichtig zu nehmen, sich der Herausforderung der Klimaveränderung zu stellen und die Verantwortung nicht mehr abzuschieben.
24_2.jpgBild: Sally Ann Norman, architekturbild e.v.
Zum zweiten ist von einem Handlungsraum die Rede – Landschaftsarchitektur konkretisiert die Möglichkeit der Gestaltung, der Veränderung in "durch menschliche Eingriffe beschädigten Naturräumen" (Pressetext Naturtektur). Landschaftsarchitektur macht diese Handlungsmöglichkeit in der Landschaft gestalterisch sichtbar. Es wird damit also auch die Hoffnung aufgerichtet, dass man heilen könne. Brigitte Wormbs schreibt im Katalog "Wiederkehr der Landschaft", dass mit der Herstellung von Lesbarkeit im Medium der Landschaft (und genau das leistet Landschaftsarchitektur) auch der Impuls enthalten sei, "das Wirkliche vom Möglichen her zu interpretieren". Das ist eine politische Aussage – und eine Aufforderung, Landschaft als einen Möglichkeitsraum zu begreifen, in dem Veränderungen möglich sind und sichtbar gemacht werden können. In der Landschaft kann konkret werden, was als abstrakte Bedrohung uns zu überfordern droht. Darin hat die Landschaftsarchitektur etwas zutiefst Versöhnliches und reagiert damit auf Verlust- und Versagensängste angesichts der drohenden Zerstörung der Lebensgrundlagen.
Zum dritten ist die Stadt in diesen Diskursen präsent. Entweder als ein Ort, an dem die Landschaftsarchitektur gefragt ist, als ein "entscheidender Beitrag zum nachhaltigen ökologischen Stadtumbau" (Pressetext zur Ausstellung Stadt-Grün im DAM). Oder die Stadt ist nicht mehr etwas, was sich eindeutig von der Landschaft trennen lässt – so veranstaltet beispielsweise die Sächsische Akademie der Künste eine Vortragsreihe zur "Fortschreibung der Stadtarchitektur durch die Landschaftsarchitektur". Das Konzept von Thomas Sieverts, die Landschaft zwischen ländlicher Idylle und Innenstadt als Zwischenstadt durch diskursive und ästhetische Praxis sichtbar zu machen, ist also nicht so obsolet, wie es noch vor wenigen Jahren vermutet wurde, sondern hochaktuell – weniger denn je ist eine Gegenüberstellung von Stadt und Landschaft geeignet, die Herausforderungen der Zukunft zu reflektieren. Das scheint banal zu sein, aber der Diskurs um die Renaissance der Innenstädte hatte genau das suggeriert – nun zeigt sich, dass eine Debatte um die Städte als Sehnsuchtsbild (was anderes ist die vielbeschworene "europäische Stadt"?) einer veralteten Trennung Stadt – Land nachhing, die an den prägenden Realitäten der räumlichen Entwicklung vorbeiging, weil sie sie zu ausschnitthaft reflektierte.
24_3.jpgBild: Sally Ann Norman, architekturbild e.v.
Landschaft als Medium ästhetischer Vermittlung
Mit der Wiederkehr der Landschaft wird nicht versucht etwas Geschichtliches zu reaktivieren: ein Medium der Naturwahrnehmung, das sich vom Alltag isolieren ließe, ein konstruiertes Idealbild einer vermeintlich unberührten Natur. Denn soviel wird schnell deutlich: Landschaft ist nicht etwas, das es als "Ding an sich" gibt, von dem man mal mehr, mal weniger haben kann, das sich in Einheiten messen ließe. Sie ist ein gesellschaftliches Konstrukt, mit dem Sehnsüchte greifbar, Wahrnehmungsfähigkeiten geschärft (darauf zielen insbesondere künstlerischen Projekte) oder Bedrohungen ästhetisch vermittelbar gemacht werden – und gerade darin zeigt sich ihre Aktualität, darin liegt das Momentum der Wiederkehr. Landschaft kehrt wieder als ein Reflektionsmedium über die Zukunft der Gesellschaft. Sie kehrt wieder als ein verändertes und veränderbares Bild, mit dem die Auseinandersetzung darüber möglich wird, was wir befürchten müssen, was wir hoffen dürfen und was wir tun sollten. Darin darf die Konstruktion dessen, was wir unter Landschaft verstehen, das Bild, das wir als Landschaft bezeichnen, nie endgültig sein wollen. Das wissen am besten die, die am kompetentesten mit Bildern umgehen. Man dürfe, so etwa die Fotografin Beate Gütschow, Bilder nie als endgültige Festschreibung begreifen, weil "diese Festschreibungen sogar gefährlich sein können, weil sie eine Sicht der Dinge behaupten."
Darin liegt vielleicht die wichtigste Bedeutung der Landschaft: als der Konstruktion eines Bildes, das nötig ist, um unsere Lebensgrundlagen erhalten zu können. Es geht in diesem Diskurs also nur zu einem Teil um die Landschaftsarchitektur als einer Disziplin, die Kenntnisse und Kompetenzen hat, derer wir dringend bedürfen. Denn letztlich wird in Landschaftsparks auf Brachen genauso wenig ein komplexes und aus dem Gleichgewicht gebrachtes Ökosystem geheilt, wie auf den öffentlichen Plätzen politische Entscheidungen getroffen werden. Trotzdem ist der zugängliche öffentliche Raum genauso wichtig wie es die durch die Landschaftsarchitektur geschaffenen Projekte sind – letztere über ihre unmittelbare ökologische Wirkung auf das Kleinklima hinaus, und noch darüber hinaus, dass sie angenehme Aufenthaltsorte sind. Der allen zugängliche öffentliche Raum symbolisiert die politische Teilhabe aller – ist aber mit ihr nicht identisch.
24_4.jpgBild: Sally Ann Norman, architekturbild e.v.
Landschaftsräume sind Raumbilder, mit denen wir uns darüber versichern können, wie bedroht wir sind, dass wir handeln, umdenken müssen. Und darin transportiert die Landschaft als Medium neben kollektiven Ängsten und Erwartungen auch gesellschaftliche Normen, die aber wie die Bilder der Landschaft selbst veränderbar sind. Insofern ist trotz aller verzweifelter Untertöne der Landschaftsdiskurs einer der Hoffnung. Zeit aufzuwachen, fordert die Kuratorin der Berliner Ausstellung, Donata Valentien. Das impliziert, dass es noch nicht zu spät dazu ist. Ob es letztlich dem Menschen tatsächlich gelingen wird, zu verhindern, dass die Erde in großen Teilen unbewohnbar werden wird, wird sich im Bild der Landschaft ablesen lassen, das wir uns zukünftig von ihr machen werden. ch