german-architects.com

 
 
 
Nicht mehr ganz (so) dicht
 
Durchschnittlich lebt ein Japaner ohne Wohneigentum auf etwa 23 Quadratmetern. Wie eine Streichholzschachtel ordnet sich seine Mietwohnung in eines der vielen Apartmentgebäude ein. Im Kontrast zu diesen Gebäuden mit ihren sauber gebündelten Wohneinheiten steht die Nachbarschaft, in der Bauten jeder denkbaren Nutzung und Gestalt ein Konglomerat bilden, in dem Maßstäblichkeit und Kontext kaum eine Rolle spielen.
Wie kann in diesem Umfeld Wohnarchitektur aussehen, die den Wünschen der Bewohner nach weniger Dichte und mehr Individualität entgegen kommt? Kann die wie zusammengewürfelt wirkende Stadt Architekten dabei eine Inspiration bieten?
29_1.jpgTokio bis zum Horizont: Blick von der nördlichen Stadtgrenze nach Süden (Bild: Claudia Hildner)
Vor Ort lässt sich der Alltag des japanischen Wohnens schnell erfassen: In Städten wohnt der Japaner überall, wo er nur wohnen kann, in schuhschachtelgroßen Apartments, direkt unter dem Highway, und wenn's ganz schlimm kommt, unter blauen Plastikplanen im Park. Monotone Wohnblocks, Wohnhochhäuser, barackenartige Apartmentgebäude und kleinere Wohnhäuser stehen so eng beieinander, dass die Vorhänge meist Tag und Nacht verschlossen bleiben und der Balkon allenfalls als Abstellort für die Klimaanlage dient. Das Innere der japanischen Durchschnittswohnung ist von standardisierten Bauteilen geprägt: Etwa die ockergelbe, vorgefertigte Badzelle, die – sollte man nach einer harten Nacht einmal darin erwachen – nicht ohne weiteres verrät, ob man es noch nach Hause geschafft hat. Mit etwas mehr Yen im Portemonnaie verbessern sich natürlich Platzverhältnisse, Einrichtung und Aussicht; der Traum der meisten Japaner ist das Einfamilienhaus mit Garten, der aufgrund der hohen Grundstückspreise meist eher ein Grünstreifen bleibt.
In dieser japanischen Normalität wirkt die Wohnarchitektur, die man aus den Architekturfachpublikationen kennt, so exotisch wie ein Haiku-Band im Manga-Laden. Dass das Umfeld, in dem diese Gebäude stehen, nur selten thematisiert wird, ist verständlich: Beim Anblick der japanischen Stadt werden die meisten Betrachter in deren Willkürlichkeit – Stichwort Würfelhusten – kaum einen möglichen Kontext entdecken können. Tatsächlich müssen Architekten in Japan beim Bau eines neuen Gebäudes lediglich darauf achten, die Nachbarhäuser nicht zu verschatten und die Gebäude erdbebensicher und feuerresistent zu bauen, gestalterisch sind sie weitgehend frei. Das Entstandene fügt sich zur Stadt, ohne als solche gedacht worden zu sein.
29_2.jpgDie Bauherren – ein Ehepaar mit zwei Kindern – wünschten sich für das “Tokyo Apartment” eine auffällige Erscheinung, die den Kontakt zwischen den Mietern nicht nur zulässt, sondern fördert. (Bild: Claudia Hildner)
Stadt wird Haus
Aus diesen beiden Grundbedingungen der japanischen Stadt – der Dichte, die zum kompakten Wohnen zwingt, und der fehlenden städtebaulichen Ordnung – destillierte der Architekt Sou Fujimoto sein "Tokyo Apartment". Mit dem scheinbar willkürlichen Stapeln von Wohneinheiten nimmt er zumindest auf einer abstrakten Ebene Bezug zu dem Umfeld, in dem das Gebäude stehen wird: "Experiences which are resulting from the agglomeration are superimposed upon the composition... it is more Tokyo than Tokyo itself, a Tokyo that doesn't exist – the Tokyo which is most like Tokyo." (zitiert aus JA 78)
Das Stapeln von Giebelhaus-Formen mag in letzter Zeit etwas arg trendig wirken, im Falle von Fujimoto geht der Entwurf zumindest im Inneren über den puren (Ur-)Hüttenzauber hinaus. Wie der Architekt in diesen Turm funktionierende Grundrisse eingepasst und vier voneinander unabhängige Wohneinheiten geschaffen hat, ist beeindruckend. Die Stadt wird zum Haus, das Haus zur Stadt – und hier wie dort sind es die Resträume, die eine ungeahnte Qualität besitzen und der Architektur einen ganz eigenen Charme verleihen (weitere Bilder im Blog unserer Kollegen von japan-architects.com).
29_3.jpgGrundrisse des “Nerima Apartment” von Go Hasegawa vom ersten bis zum sechsten Obergeschoss (1.-3. OG oben, 4.-6. OG unten, je v.l.n.r). (Bild: Go Hasegawa)
Haus als Dorf
Der Entwurf "Yokohama Apartment" des Büros ON Design (Osamu Nishida und Erika Nakagawa) zeigt einen ähnlichen Ansatz wie Fujimoto, nur wurden die vier Wohnheiten dort nicht gestapelt, sondern über einem Gemeinschaftsbereich angeordnet, der den Bewohnern zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum einen großzügigen halböffentlichen Platz einräumt. Deutlicher noch als bei Fujimoto nimmt der Entwurf Bezug auf eine Wohnform, die früher in japanischen Städten verbreitet war: die "Nagaya", Reihenhäuser mit kleinen Wohneinheiten und separaten gemeinschaftlichen Einrichtungen.

Haus mit Garten
Ein äußerlich zurückhaltenderes Beispiel dafür, wie sich der Traum vom Einfamilienhaus in ein stadttaugliches Modell überführen lässt, bietet hingegen Go Hasegawa mit dem "Nerima Apartment". Jeder Wohneinheit wird darin eine Loggia zugewiesen, deren Größe und Form (L-förmig, gedrungen, lang) jener der Wohnfläche entspricht. Hasegawa nennt diese Elemente trotz ihrer Integration in das Gesamtbeiwerk "Terrasse" und stellt sich vor, dass sie von den Bewohnern wie Gärten genutzt werden. Dabei ist die Einsicht von außen – anders als etwa bei einem Balkon oder bei großen Glasflächen – stark eingeschränkt, so dass sich die Bewohner unbeobachtet in ihrem Freiraum aufhalten können.
29_4.jpgLageplan des Projekts “Village and drawing style of the map” von ON Design und Modellfoto von Sou Fujimotos “House like a cloud”-Projekt.
Garten wird Haus
Die Stadt zwingt zur Dichte – welche Projekte entstehen können, wenn genügend Raum zur Verfügung steht, zeigen zwei kleinere Wohnprojekte von Fujimoto und ON Design im etwas ländlicheren Raum. Die Vereinzelung der Wohneinheiten setzt sich dort bisweilen bis ins Extrem fort: Etwa bei dem Projekt "Village and drawing style of a map" von ON Design, bei dem die verschiedenen Funktionen eines Zweithauses in Yokosuka (Kanagawa-Präfektur) über das gesamte Grundstück verteilt werden. Der Lageplan erinnert mehr an ein kleines Dorf mit großen Zwischenräumen und langen Wegen denn an ein einzelnes Wohnhaus.
Bei seinem "House like a cloud"-Projekt in Hokkaido bindet Sou Fujimoto die Funktionen durch eine im Modell nicht näher definierte, silbrig schimmernde Struktur zusammen, die wie ein wabbernder Ring über dem Grundstück liegt. Darunter sind – ringsum von einem Garten umgeben – die verschiedenen Räume angeordnet. In der Komposition lassen sich Referenzen an die Architektur traditioneller japanischer Adelshäuser erkennen, etwa der Kaiservilla Katsura in Kyoto mit ihren zahlreichen Teehäusern und Pavillons, die durch einen Rundweg raffiniert miteinander verbunden sind.
"Modern architecture viewed connectability as a virtue and separability as a sin" (zitiert aus JA 78), schrieb das japanische Architektur-Urgestein Hiroshi Hara bereits in seinem Essay "Discrete City". Die hier vorgestellten städtischen und ländlichen Projekte kennzeichnet eine Art von Auflösung – klare Grenzen und Kompaktheit sind nicht mehr unbedingt erwünscht, Resträume und spannende Wegführungen werden hingegen als Qualität empfunden. Man darf gespannt sein, wie die junge Architektengeneration diesen Weg weitergehen wird. Claudia Hildner